Dramatische Amselrettung in luftiger Höhe: Hausverwaltung lässt hilflosen Vogel tagelang im Netz hängen

netz5

Kaum zu erkennen: der kleine schwarze Punkt in der Mitte ist die Amsel in Not

Gestern Nachmittag ereilte uns ein dringender Hilferuf aus Berlin-Mitte. Eine Amsel sollte schon seit Freitag kopfüber gefangen sein in einem Taubenabwehrnetz, das über den gesamten Innenhof eines Gebäudekomplexes gespannt war. Um dem Tier zu helfen, machten wir uns sofort auf den Weg zur Melderin dieses Falles. Leider war das zuständige Veterinäramt nicht mehr erreichbar und die Feuerwehr hätte zwar mit einer Drehleiter aushelfen können, diese war aber zu groß, um durch die Türen zu passen. Die verantwortliche Hausverwaltung und die Polizei verhielten sich zunächst völlig unkooperativ Doch wir haben uns nicht ermutigen lassen und haben alle Hebel in Bewegung gesetzt, um das Leben des Tieres zu retten!

Die Hausverwaltung verstand nach eigenem Bekunden nicht warum wir so einen Aufstand machten. „Ihr habt doch Gras geraucht ihr Weiber, wegen so ´nem Vogel macht ihr hier ´nen Aufstand!“, hieß es. Man erklärte uns gegenüber, dass man bereits einen kleinen Hubwagen bestellt hätte, der in ein paar Tagen käme und das Tier freischneide. Natürlich würde die Amsel aber solange gar nicht mehr durchhalten, es war ohnehin ein Wunder, dass sie beinah 4 Tage bei bis zu Minus 8 Grad in diesem Zustand durchgehalten hat und immer noch die Kraft hatte vor unseren Augen panisch um ihr Leben zu flattern. Glücklicherweise erreichten wir einen sehr tierlieben und engagierten Fassadenkletterer, der sich bereit erklärte uns nach seiner Arbeit zu helfen. Um helfen zu können, waren wir aber darauf angewiesen, dass uns ein Hausmeister geschickt wurde, der die Zugänge zum Dach aufschließt. Auch dies verweigerte uns die Hausverwaltung. Nach langwierigen Verhandlungen konnten wir die Verantwortlichen aber endlich davon überzeugen einzulenken, dass auch die Rettung eines einzelnen Tieres, sei es auch noch so klein, zählt. Jedoch war die Hausverwaltung nur dann dazu bereit, dem Kletterer die Rettung zu gestatten, wenn sich die Erna-Graff-Stiftung

maxamsel

Max nach seiner Befreiung

bereit erklärt dafür zu haften. Dabei war das Netz ohnehin tierschutzwidrig und hätte entfernt werden müssen.
Die Amsel gilt nach § 44 des Bundesnaturschutzgesetzes als besonders geschützte Tierart und es ist verboten, sie zu fangen, zu verletzen und/oder zu töten. Nach § 39 ist es darüber hinaus verboten wildlebende Tiere zu beunruhigen oder ohne vernünftigen Grund zu verletzen oder zu töten. Durch das unsachgemäß amgebrachte Abwehrnetz besteht eine signifikante Erhöhung des Tötungsrisikos von Vögeln, die weit über das gewöhnliche Lebensrisiko einer Amsel hinausgeht. Des Weiteren gilt natürlich der § 1 des Tierschutzgesetzes: „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen“. In diesem Fall ist auch die unterlassene Hilfeleistung tierschutzrechtlich relevant.

Nach endlosen Diskussionen mit einer uneinsichtigen und wohl überforderten Hausverwaltung durfte sich endlich Fassadenkletterer Max ans Werk machen. 3 Stunden lang hat er im stockfinsteren und bei Eiseskälte das Netz nach und nach durchtrennt. Um 22 Uhr war es endlich soweit, dass die Netze soweit zertrennt waren, dass wir die kleine Amsel im Netz vor der Fensterfassade hängen sehen konnten. Freundlicherweise schlossen uns einige noch im Büro anwesende Mitarbeiter ihre Räume auf, sodass es uns gelang den Vogel zu greifen und endlich freizuschneiden! Nach der langen Zeit im Netz und all den Strapazen hatten wir wohl alle damit gerechnet, einen toten oder zumindest sehr lädierten Vogel vorzufinden, aber die kleine Amsel war noch erstaunlich fit! Nach einer ersten Untersuchung konnten wir keine äußerlichen Verletzungen feststellen, er wies aber neurologische Störungen auf und krampfte kurz. Mit Sicherheit musste er auch schlimme Schmerzen in den Gliedmaßen haben, da er so viele Tage kopfüber mit verdrehten Flügeln im Netz fest hing. Doch die Amsel war ein Kämpfer und wurde von der Melderin, einer erfahrenen Amselpäpplerin, fachkundig umsorgt. Obwohl seine Allgemeinverfassung viel besser war als befürchtet, kann durch den langen Verbleib in dieser unnatürlichen Pose noch eine endgültige Prognose für die Amsel gestellt werden. Natürlich wird aber alle getan für das Tier und wir

maxamsel2

Er machte einen überraschend fitten Eindruck

sind guter Dinge, dass er es schaffen wird. Heute Morgen erreichte uns von der Melderin, die sich nun um das Tier kümmert, die gute Nachricht, dass die Amsel die Nacht überstanden und bereits etwas Nahrung aufgenommen hat. Die Erna-Graff-Stiftung wird natürlich für die Kosten der medizinischen Versorgung aufkommen. Sobald sich die Amsel hoffentlich vollständig erholt hat von ihrem strapaziösen Abenteuer, wird sie in sicherer Umgebung wieder ausgewildert und kann hoffentlich noch ein langes und stressfreies Leben führen.
Wir werden indes darauf hinwirken, dass nie wieder ein solches Netz an dem Gebäude aufgespannt werden darf, damit nicht noch mehr Vögel den Tod finden müssen! Nach Aussagen mehrerer Mitarbeiter passierte es in der Vergangenheit nämlich regelmäßig, dass Vögel in diesem Netz qualvoll zu Tode kamen. Doch statt dem Abhilfe zu schaffen, hat die Hausverwaltung mit allen Mitteln die Rettung eines in Not geratenen Tieres versucht zu verhindern, da man sich scheinbar mehr um die Kosten für das Taubennetz sorgte als um das Wohlergehen eines Tieres, dessen Notlage ihr eigenes Verschulden war. Leider ist es keine Seltenheit, dass finanzielle Interessen dem Wohl der Tiere übergeordnet werden. Die Erna-Graff-Stiftung behält sich vor Anzeige zu erstatten.

Die kleine kämpferische Amsel haben wir übrigens Max getauft, nach seinem Retter, dem tierlieben Fassadenkletterer. Der wollte als Belohnung für seinen mehrstündigen Einsatz ganz bescheiden lediglich die neuste Schallplatte seiner Lieblingsband haben. Wenn wir mehr solcher selbstlosen Menschen hätten, wäre die Welt sicherlich eine schönere! Und zum perfekten Happy end hoffen wir nun, dass die kleine Amsel Max bald wieder fit wird!

rip

2 Tage später erlag die Amsel ihren Verletzungen

Update: Leider hat das kämpferische Tier die zweite Nacht in fürsorglicher Obhut nicht überlebt. Es sah zwar zunächst sehr gut aus, aber wie sich raus stellte, waren seine neurologischen Schäden doch zu schlimm und er ist über Nacht für immer eingeschlafen. Trotzdem sind wir froh, dass wir Max aus seinem Netz befreien konnten. Nicht vorzustellen, dass er noch einen weiteren Tag um sein Leben in diesem verdammten Netz gekämpft hätte. So konnte er nun wenigstens in Frieden gehen. Seine Päpplerin hat Max heute beerdigt und der Natur zurück gegeben.
Wir werden nun weiter daran arbeiten, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Nach Auskunft der Mitarbeiter hängt dieses Netz schon seit 20 Jahren dort und etliche Vögel haben den Tod darin gefunden. Wir wollen dafür sorgen, dass das nie mehr passiert.

Kommentare

Waltraut Bergmann schreibt () :

Hallo!
Ich fände es wichtig, wenn hier GENAUER beschrieben würde, welche Aktivitäten nun angestrengt wurden, damit das todbringende Netz entfernt wird. Welche Behörden wurden wie eingeschaltet? Wurde Anzeige erstattet? Welche Chancen bestehen? – Bitte über den Verlauf der weitergehenden Maßnahmen berichten!
Solche Geschichten wie diese hier quälen mich nur, wenn nicht wenigstens Perspektiven aufgezeigt werden, dass es in Zukunft besser wird. Das Engagement der TierschützerInnen wirklich in allen Ehren! Jedoch kann ich solche Berichte von Tierquälerei, Umweltfrevel und dergleichen nicht mehr ertragen, wenn nicht zumindest Ansätze einer wirkungsvollen Hilfe erkennbar werden.
Welche Chancen bestehen denn nun z. B., dass das Netz entfernt wird?? Ich fürchte, keine!

direkt antworten

Sonja Wende schreibt () :

Hallo Frau Bergmann,
ich habe Anzeige erstattet beim Denkmalschutz-, Naturschutz- und Veterinäramt. Darüber hinaus habe ich eine Dienstaufsichtsbeschwerde bei der Polizei eingereicht. Wie die Chancen stehen, kann ich leider nicht einschätzen. Das Netz ist jedoch bereits entfernt, wir haben es an diesem Tag ja soweit zerschnitten, dass es nicht mehr nutzbar war und sich keine weiteren Tiere mehr verfangen können. Sobald ich Rückmeldungen von den Ämtern habe, werde ich natürlich einen weiteren Artikel dazu schreiben.
Ich hoffe, ich konnte Ihre Fragen einigermaßen zufriedenstellend beantworten.
Viele Grüße!

direkt antworten

Jetzt kommentieren:

Copyrights © 2017 Erna-Graff-Stiftung. All Rights reserved.