Esel von Jutta Person

Über Esel lesen

Bücher und Esel gehören eng zusammen. Allein schon aufgrund des Lese-Anagramms, das im Wort Esel enthalten ist und auf das die Autorin Jutta Person hinweist. Dieses Anagramm regt zu Satzspielen an: „Ich Esel lese.“

Wobei wir schon bei dem Thema wären, dass nicht nur Tiere, sondern auch Menschen als Esel bezeichnet werden. „Du Esel“ hat dabei immer den Beigeschmack des schlechten Images, das Menschen Eseln anhängen. Meistens beschreiben die Adjektive „dumm“, „blöd“ oder „stur“ dieses Esel-Image. Jutta Person führt das auf die Langohrigkeit und die Schädelform dieser Tiere zurück sowie auf das Überstehen der Ober- oder Unterlippe, „das als Merkmal für Dummheit“ gilt.

Das Verknüpfen voEsel / J. Personn körperlichen Eigenschaften mit angeblichen charakterlichen Stärken und Schwächen, führten Physiognomiker ein. Die Physiognomik ist „eine überaus einflussreiche Formenlehre des menschlichen Körpers, mit deren Hilfe man vom Äußeren auf das Innere schließen wollte.“ Man orientierte sich dabei an den Formen der Tiere und verglich sie mit denen der Menschen. Eine der ersten abendländischen Physiognomonica entstand etwa 300 vor Christus und wurde von Aristoteles-Schülern angefertigt. In dieser Physiognomonica wird dem Esel bereits „Stumpfsinn“, „Dummheit“ und „Trägheit“ zugeordnet. Und seitdem trägt der Esel sein Image genauso geduldig wie manch andere Last, die Menschen ihm aufbürden.

Auf der anderen Seite das christliche Eselbild: das sanftmütige, friedliebende Reittier, mit dem Jesus Christus in Jerusalem einzieht, manchmal noch begleitet von einem Fohlen, das durch einen Übersetzungsfehler vom hebräischen zum griechischen Text hinzu gekommen ist oder die Eselin von Bileam, die im Gegensatz zu ihrem Herrn den Engel sehen kann, der von Gott geschickt wurde, um sich Bileam in den Weg zu stellen, damit er das Volk der Israeliten nicht verfluche. Geduldig erträgt sie seine Schläge, weil sie dem Engel ausweicht, bis Gott ihr den Mund öffnet. Und wer würde je vergessen, dass Jesus in eine Krippe gelegt wurde und Ochse und Esel ebenfalls im Stall standen und ihn sanft ansahen?

Ein vielgestaltiges Porträt entwirft Jutta Person. So erfahren wir, dass Esel von der Antike bis zum Ersten Weltkrieg genauso als Kriegstier eingesetzt wurden wie Pferde und ebensolche Gasmasken trugen. Und wir werden erinnert an die großen literarischen Mensch-Esel-Metamorphosen, die in Shakespeares „Sommernachtstraum“ genauso stattfinden wie in dem 170 nach Christus geschriebenen Roman „Goldener Esel“ von Apuleius. Dort verwandeln sich Männer in Esel und werden dann von Frauen geliebt.

Wie immer Esel in Wirklichkeit auch sein mögen, von Jutta Person lernen wir, wie vielseitig die Sichtweise von Menschen auf eine Tierart sein kann und was auf dem Rücken eines Tieres alles an menschlichen Themen ausgetragen werden kann: von der Frage, welche Körperformen welchen Charaktereigenschaften zugeordnet werden können bis hin zu philosophischen Diskussionen, ob Passivität („Sturheit“) nicht doch eine besondere Form der Intelligenz sein könnte; von Forschungen, welche Körperteile des toten Esels Menschen medizinisch helfen bis zur Überlegung, ob Esel entartete Pferde seien oder eine eigenständige Art.

Esel haben Menschen zu zahlreichen Denkübungen angeregt.

Möge das so bleiben!

Und wer sich selbst ein Bild vom menschlichen Denken über die sympathischen Langohren machen möchte, der nehme Jutta Persons Esel-Buch und lese!

Esel
Ein Portrait

Jutta Person

Matthes und Seitz, Reihe Naturkunden (Hg.: Judith Schalansky)
Mit zahlreichen farbigen Abbildungen,
144 Seiten, 11 Rasseporträts

ISBN: 978-3-88221-078-1
Preis: 18,00 €

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