Eulen von Desmond Morris

Glücksbringer und Todesbotin?

Die Eule. Was wissen wir über sie?

Als Erstes fallen den meisten Menschen die großen Kulleraugen und der niedliche runde Kopf ein. Oder die dämonisch -durchdringenden Augen und der unheimliche, nächtlich-lautlose Flug? Oder denken Sie an Hedwig, die Schneeeule von Harry Potter, die zwischen der Zauber- und der Muggelwelt hin- und herfliegen kann?

Eulen von Desmond MorrisWir wissen meistens erstaunlich wenig über Eulen, obwohl uns diese Vogelordnung, die rund 200 verschiedene Arten umfasst, seit mindestens sechzig Millionen Jahren begleitet und damit „eine der ältesten bekannten Vogelarten“ ist.

Macht nichts.

Desmond Morris hat jetzt ein vielseitiges und facettenreiches Eulenporträt geschrieben. Damit wir diese Vögel besser kennenlernen.

Während der Lektüre wird den Leserinnen und Lesern vor allem die Widersprüchlichkeit bewusst, mit der Menschen Eulen betrachten. Auf der einen Seite wird der Eule eine große Intelligenz zugeschrieben (vermutlich, weil ihre Kopfform der menschlichen ähnlich ist), auf der anderen Seite wird sie oft als Todesbotin wahrgenommen (vermutlich, weil sie meistens nachtaktiv ist und fast alle Eulenarten lautlos fliegen).

So finden wir sie im antiken Griechenland als Synonym für Weisheit und auch als Begleiterin der Pallas Athene. Es gibt sogar Darstellungen, die die Göttin fast vollständig als Eule zeigen. So sehr glaubten die Griechen an die Eulenkraft, dass manch ein Feldherr eine Käfigeule bei sich hatte, die er vor seinen Soldaten versteckte, um sie im richtigen Moment über den Köpfen der Truppe kreisen zu lassen, denn dieser Vogel galt als Vorzeichen für einen Sieg.

Im antiken Rom dagegen wurde die Eule als bösartige Todesbotin angesehen. Die Vorstellungen, dass Hexen sich in Eulen verwandeln und schlafenden Babys das Blut aussaugen und dass der Ruf einer Eule den unmittelbar bevorstehenden Tod eines Menschen ankündigt, sind so tief verankert gewesen, dass Eulen getötet wurden, sofern es den Menschen gelang. Heutzutage gibt es diese Wahrnehmung auch noch, weil auf Friedhöfen häufig alter Baumbestand mit Höhlen zu finden ist, wo Eulen brüten und gerade der Waldkauz balzt schon im Winter lautstark auf dem Friedhof, wenn der Rest der Vogelwelt still ist. Das wurde auch von Horror- und Kriminalfilmregisseuren aufgenommen: Bevor ein dramatisches Ereignis auf einem Friedhof oder in der Nähe eines Friedhofes eintritt, ruft immer ein Kauz.

Diese beiden Beispiele zeigen bereits das gesamte Spektrum der menschlichen Eulensicht, die sich durch die verschiedenen Jahrhunderte und Kulturkreise kontinuierlich durch Kunst, Literatur und Realität hindurch zieht: die Eule als weiser Glücksbringer und die Eule als gefürchteter Todesbote.

Wem der Kopf schwirrt nach acht Kapiteln Auseinandersetzung, welches Kunstwerk zu welcher inneren Einstellung gehört und in welcher Kultur welche Sichtweise auf Eulen vorherrscht, der darf sich auf das letzte Kapitel „Typisch Eule“ freuen. Klar gegliedert und kurzweilig geschrieben finden wir hier die Fakten über das wahre Eulenleben.

Wir erfahren, dass diese Vögel Einzelgänger sind und am liebsten in Baumhöhlen schlafen, wir lernen ihre Seh- und Hörgewohnheiten kennen, werden über ihr Jagdverhalten unterrichtet und auch darüber, dass Eulen die unverdaulichen Teile ihrer Beutetiere als sog. Gewölle hervorwürgen. Durch Gähnen werden diese Ballen im Magen geformt und gedreht. Diese Gewölle sind bei Wissenschaftlern und Lehrern ein so beliebtes Anschauungsmaterial, dass es Firmen gibt, die sich auf den Verkauf der Gewölle spezialisiert haben.

Auch in der Tierwelt gibt es Tiere, die sich die Eigenschaften der Eulen zunutze machen, wie zum Beispiel der Bananenfalter, der Augenflecken auf seinen Flügeln trägt, die einem Eulengesicht ähnlich sehen. So imitiert er den Blick, mit dem Eulen einen Feind furchteinflößend anstarren. Und dann gibt es die, die ihren Hass auf den großen Greifvogel überdeutlich zeigen, wenn sich der Nachtschwärmer zufällig einmal ins Tageslicht wagt, nämlich die kleineren Vögel, die in Schwärmen auf die Eule zufliegen und diese angreifen: „Mit Warnrufen locken sie immer mehr Vögel herbei, bis um dem gefährlichen Räuber ein regelrechter Tumult entsteht. Dann fangen sie unter lautem Gezwitscher an, die Eule zu drangsalieren, flattern und hüpfen aufgebracht umher und fliegen sogar Scheinangriffe. Der eine oder andere besonders dreiste Vogel wagt auch einen richtigen Angriff, indem er von hinten auf die Eule zusaust und an ihren Federn zupft.“ Immer mehr Vögel werden angelockt durch den Tumult und die Aufregung.

Das wunderschön bebilderte Buch regt zum kritischen Nachdenken über Eulendarstellungen in Kunst, Literatur und Film an. Denn im Gegensatz zu der Meinung des Autors, der behauptet, dass die Harry-Potter-Romane „ja nur Geschichten für Kinder sind und nichts sonst“, prägt uns das Bild, das Kunst von einer bestimmten Tierart vermittelt sehr. Ob wir es bewusst wahrnehmen oder nicht. Wenn wir uns in der von einem Künstler erschaffenen Welt wohl fühlen und darin eintauchen, werden wir von ihr beeinflusst. Gerade Kinder leben noch lange nachdem der Buchdeckel schon geschlossen wurde in dieser emotionalen Welt. Nicht umsonst war die Nachfrage nach Schneeeulen aus Stoff nach jedem Erscheinen eines neuen Harry-Potter-Romans enorm.

Abgerundet wird das Buch von neun Eulenporträts. Von der kleinsten Eule der Welt, dem Elfenkauz, der nur 14 Zentimeter lang und 40 Gramm schwer wird, bis zum Uhu, der bis zu 72 Zentimeter Länge und drei Kilogramm Körpergewicht aufweisen kann, lernen wir die Eulen kennen und lieben.

Desmond Morris,
Eulen
Ein Portrait

Matthes und Seitz
ISBN: 978-3-95757-088-8
Preis: 18,00 € / 25,40 CHF

Jetzt kommentieren:

Copyrights © 2017 Erna-Graff-Stiftung. All Rights reserved.