Erna-Graff-Stiftung

Buchkritik

Hundeherz von Kerstin Ekman

Eine Schneegeschichte

Ein Welpe folgt seiner Mutter. Die Hündin verfolgt die Spur ihres Herrn. Der Mann fährt mit einem Motorschlitten durch den Wald zum See. Eisangeln.

Er bemerkt die beiden Hunde nicht.

Der Welpe kann das hohe Tempo nicht halten – und ist allein. Mitten im Wald. Im nordschwedischen Winter.

Der Welpe ist so jung, dass er noch keinen Namen erhalten hat. Er ist der Dunkelste aus dem Wurf.

HundeherzEinfühlsam und kenntnisreich schildert Kerstin Ekmann, wie das junge Tier den harten Winter im Wald überlebt. Dabei zieht sie den Leser mit ihrer knappen, schnörkellosen Sprache immer mehr hinein in das Naturerleben. Konsequent bleibt die Erzählerstimme bei dem Welpen, der die Geräusche der Natur mit seinen Erinnerungen verbindet: „Dieses Geräusch kannte er. Elsterngeschwätz und das Knurren der Hündin, wenn der blitzende Vogel frech wurde und dem Futter zu nahe kam. Schneidende, scharfe Töne, die auch Gutes bedeuteten: Mutter und Fressnapf.“

Wir werden mitgenommen auf eine Reise in den bitterkalten schwedischen Winter. Mit den Ohren des Welpen hören wir, wie laut die Krallen des Eichhörnchens am Fichtenstamm plötzlich sind. Hier, wo es keine Menschen gibt.

Wir spüren die Kälte und den Hunger. Wir warten gemeinsam mit dem jungen Hund auf das Wiedersehen mit der Hündin, die ihn gesäugt hat. War sie dort hinten? Bewegte sich da nicht etwas? Es ist ein Schneehase.

Mühsam gehen wir vorwärts, sinken bis zum Bauch ein in den Schnee und sehen „schwarze, ausgebreitete Flügel“ über uns, hören das Krächzen der Krähe, ducken uns.

Und nachts unterbrechen Eulenrufe oder der „Klang eines kältespröden knackenden Zweigs“ den Schlaf. Noch immer wartet der Hund auf die Rückkehr seines alten Lebens. Noch immer verbindet er bestimmte Geräusche mit frühen Erinnerungen: „Eines Nachts erwachte er von einem Geräusch, das ihm in seiner Vertrautheit zu einem Bild wurde: Starke Kiefer knackten Knochen. […] Er wartete darauf, dass eine Witterung dieses Bild ausfüllte und aus dem Knirschen Mutterzähne und aus dem Schatten dort unten im Moor den Leib der Hündin werden ließe.“

Aber es ist ein Fuchs, der sich von demselben Elchkadaver nährt, wie der Hund.

Je länger der Winter dauert, je tiefer werden die Erinnerungen vergraben. Trotzdem schlummert es in ihm: „Das, worauf er wartete, hatte weder Bild noch Namen. Aber er würde es erkennen, wenn er es hörte oder wenn ihm dessen vertrauter Geruch in die Nase stiege.“

Und da beginnt eines Tages der Wald zu singen. Es blubbert und säuselt, unter den Pfoten wird der Untergrund weich: „Der kranke Schnee zerrann.“

Das Leben im Wald verändert sich. Der Junghund, der sich vom Schnee, Hasenkot und vom Kadaver eines Elches ernährt hatte, findet nun Mäuse. Er lernt, sie im Gras oder im Waldboden aufzuspüren. Später: Vogeleier und Jungvögel. Noch später: Hasen.

Wir erleben noch einen Sommer mit dem Grauen in der freien Natur. Im Herbst kommen die Jäger. Sie schießen eine Elchkuh und entdecken den Hund. Sein Herrchen ist unter den Jägern. Er erkennt ihn.

Jeden Tag fährt er nun über den See in den Wald und bringt dem Hund Fleisch. Es dauert lange, bis der Hund die Nähe des Mannes zulässt, bis er auf ihn wartet. Und noch länger, bis er ihm bei einem Rundgang in seinem Jagdrevier folgt.

Mehrere Tage stellt der Jäger den Fressnapf an sein Boot, schließlich in sein Boot und nimmt dann den Hund mit nach Hause. Der Graue bekommt einen Namen: Tapfer.

Wie einen genau inszenierten Tanz erleben wir die Annäherung des Hundes an den Mann und wir fühlen eine Erleichterung, als er sich neben den Kamin ins Wohnzimmer legt, während draußen der zweite Winter seines Lebens beginnt.

Erfüllt und belebt legen wir das Buch zur Seite, haben wir doch durch Tapfer eine Welt kennengelernt, die wir uns selbst so nie erschließen könnten.

Kerstin Ekman

Hundeherz

übersetzt von Hedwig M. Binder

Piper-Verlag

ISBN: 978-3-492-26355-9

8,99 €

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