Ich, Lolita

Schimpanse Lolita – noch mit der Kette um ihren Hals

Ich, Lolita, bin ein Schimpanse. Genauer gesagt, gehöre ich zu der Familie der Hominidae wie ihr Menschen auch, aber hier zu einer eigenen Gattung Pan. Der Name der Art, zu der ich gehöre, ist troglodytes. Eure Gattung nennt ihr Homo und eure Art ist sapiens. Also heissen wir Pan troglodytes und Homo sapiens. Wir sind einander die allernächsten Verwandten im gesamten Reich der Tiere.

Mein Gattungsname Pan geht auf den griechischen Gott Pan zurück und mit diesem Namen kann ein Schimpanse wohl zufrieden sein. Der Artname weist mich allerdings als Troglodyt, also als Höhlenbewohner aus. Wie wir zu dieser Bezeichnung gekommen sind ist mir Rätsel. Schimpansen leben auf und unter Bäumen, auch in der Savanne dazwischen, aber nicht in Höhlen. Jedenfalls ist das schon lange erwiesen für die Schimpansen in Ost-und Zentral Afrika. Vor ein paar Jahren hat eine Forscherin allerdings herausgefunden, dass die Schimpansen in Senegal in Höhlen hineingehen, um dort Schutz vor der großen Hitze zu finden und das war dann eine richtige Sensation (Pruetz, 2007) . Richtige Höhlenbewohner sind sie aber deswegen noch lange nicht.

Wir sind also noch für Überraschungen gut, obwohl wir Schimpansen die von Menschen am gründlichsten untersuchten Menschenaffen überhaupt sind. Die erste, die sich mit wilden Schimpansen sehr gründlich beschäftigt hat, war Jane Goodall. Sie hat bei uns Dinge beobachtet, die vorher undenkbar waren, weil ihr in uns nur ein Tier sehen wolltet. Dazu gehören der Gebrauch von Werkzeug zum Nüsse knacken und Termitenangeln, strategisch geplante Überfälle auf die Nachbarn, das Schmieden von Allianzen gegen gemeinsame Feinde, gemeinsames auf die Jagd gehen und das Fleisch der Beute mit den besten Freunden teilen, um die Toten trauern und einander Trost spenden. Wir können komplizierte Lügen erfinden und den anderen geschickt austricksen. Wir können lachen und auf zwei Beinen laufen (wenn auch nicht so gut wie ihr) und wir benutzen unsere Hände als feine Werkzeuge, wenn es etwas zu untersuchen gilt (e.g., Goodall, 1962; Goodall, 1967; Goodall, 1968).

zuviele bananas (2)

Mit ihrer Leibspeise: Bananen

Neue Studien zeigen noch mehr Erstaunliches bei meinen nächsten Verwandten hier in Westafrika: wir bearbeiten Äste so, dass wir sie als Speere benutzen können. Die Speere stoßen wir in Baumhöhlen in denen tagsüber die Galagos schlafen und können sie so erbeuten. Dadurch kommen auch die Mütter und ihre Kinder zu einer Fleischmahlzeit, denn für diese Jagd braucht es keine Gruppe. Diese Schimpansen hier geraten auch nicht in Panik, wenn die Savanne brennt und wissen im Voraus, wohin das Feuer sich ausbreiten wird. Sie führen sogar Tänze davor auf, mit denen sie zeigen, dass sie sich überlegen fühlen. Die Forscherin Jill D. Pruetz sagt, keine Angst mehr vor dem Feuer zu haben ist ein wichtiger Schritt in Richtung Kontrolle und Nutzung von Feuer (Pruetz & Bertolani, 2007). So stellt sie es sich für die ganz frühen Menschen auch vor.

Die Ähnlichkeit mit euch Menschen zeigt sich auch im Erbgut. Genetisch stimmen wir zu 95 bis 98% überein. Wir sind eure allernächsten Verwandten, kein anderer Menschenaffe ist euch so ähnlich. Umgekehrt ist uns aber auch kein anderer Menschenaffe so ähnlich wie ihr. Gorilla und Orang-Utan sind eher so etwas wie entfernte Cousins. Kein Wunder, denn bis vor etwa 5 Millionen Jahren hatten wir zwei noch den gleichen Vorfahren, während die Linien von Gorilla und Orang sich schon lange vorher abgespalten haben. Warum sollten wir Schimpansen mit diesen beiden dann überhaupt noch als Menschenaffen zusammengefasst werden? Unsere Menschenähnlichkeit im Verhalten, im Genom und die lange gemeinsame Entwicklungslinie sprechen doch dafür, dass wir in die Gattung der Menschen gehören. Dann würde ich nicht mehr zur Gattung Pan gehören, sondern den Namen Homo troglodytes tragen.

Es gibt Wissenschaftler, die das korrekt finden.

Lolita untersucht neugierig das mitgebrachte Obst

Bis jetzt setzen sich allerdings diejenigen durch, die dem Menschen eine Sonderstellung erhalten wollen und ihn auch im Gattungsnamen von uns „Tieren“ getrennt sehen wollen. Würden die Menschen uns anders wahrnehmen, wenn am Zoogehege „Homo troglodytes“ stehen würde? Der Primatologe Volker Sommer glaubt das: „Diese Klassifikation (eine einzige Gattung für Mensch und Schimpanse, m. A.) ist wissenschaftlich die einzig haltbare. Sie dürfte auch psychologische Wirkungen entfalten – indem sie unserer Überheblichkeit Wind aus den Segeln nimmt und uns dazu motiviert, gegenüber unseren nächsten Verwandten den Respekt zu zeigen, der ihnen zukommt“ (Sommer, 2011).

Mehr Respekt fordern auch der Philosoph Paola Cavalieri und Peter Singer für Menschenaffen ein und wollen ihnen im „Great Ape Project“, einige bislang für Menschen reservierte Privilegien zusprechen. Darunter auch das Recht auf Leben und Freiheit sowie ein Verbot von Folter. Dann dürften wir nie wieder in Zoos gefangengehalten werden und nie wieder im Labor Medikamente für euch testen müssen.

Davon sind wir noch weit entfernt. Immerhin hat es sich durchgesetzt, dass wir nicht mehr als Weibchen oder Männchen bezeichnet werden, sondern als Frau und Mann. Auch das hat mit Respekt vor uns zu tun.

Ich bin Lolita, ich bin eine Schimpansenfrau!

Geboren wurde ich vor ungefähr 35 Jahren. Meine Kindheit liegt im

Das erste Mal direkter Kontakt mit Wasser

Das erste Mal direkter Kontakt mit Wasser

Dunklen für mich. Bestimmt bin ich von einer freien Mutter geboren worden und habe als Säugling Sicherheit in ihren Armen und Geborgenheit in meiner Familiengruppe fühlen dürfen. Bis zu dem Tag…ja, was da passiert ist, weiß ich nicht mehr. Wurde meine Mutter ermordet, um auf dem Markt als Bushmeat verkauft zu werden? Auch in euren, sogenannten zivilisierten Ländern gibt es den Menschen einen Kick, einen exotischen Braten zu essen. (www.sib.admin.ch/fileadmin/chm…/BUSHMEAT_14_07_2014_D.pdf)

Ein Kleinkind wie ich es damals war wird als Haustier verkauft. Angeblich hat mich eine weiße Frau mitgenommen. Ich denke, sie hat mich geliebt und gut für mich gesorgt. Sonst hätte ich die Jahre meiner Kindheit – und die dauert bei uns bis zum 6. Lebensjahr, dann hat die Mutter keine Milch mehr für uns – gar nicht überlebt. Noch bis zum Alter von 9 Jahren hätte meine Mutter auf mich aufgepasst und unterstützt. Dann wäre ich selbständig geworden und hätte mein erstes Kind wohl mit 14 Jahren bekommen. Das letzte Baby dann vielleicht mit weit über 40 Jahren. Draußen. In Freiheit. (http://www.sciencemag.org/news/2007/12/menopause-chimps).

Die Frau hat mich nicht bei sich behalten. Vielleicht hat sie das Land verlassen müssen oder wollen und festgestellt, dass die Gesetze es nicht erlauben, mich mitzunehmen. Einen Schimpansen kann man nicht mehr einfach so von Land zu Land mitnehmen. Er braucht Papiere, die belegen, dass er kein illegal gefangenes Tier ist. Solche Papiere konnte sie für mich nicht bekommen. Denn genau das war ich: illegal gefangen und illegal gehalten.

Das sind die wichtigen CITES Papiere (Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora; übersetzt: Übereinkunft über den Handel mit gefährdeten Arten) und ich habe sie immer noch nicht. Aber es kann nicht mehr lange dauern….

Auch wo ich ursprünglich herkomme, ist ungewiss. Mit großer Wahrscheinlichkeit komme ich aber aus Westafrika und vielleicht sogar aus Burkina Faso. Dann gehöre ich zu der Unterart P.  t. verus. Die vier Unterarten der Schimpansen unterscheiden sich nicht sehr im Aussehen, daher kann man das nicht so ohne weiteres bestimmen. Es heißt, meine Unterart hätte ein dunkles Gesicht und wäre spärlich behaart … das kann schon stimmen.

Lolita in ihrem neu gestalteten Käfig

Lolita in ihrem neu gestalteten Käfig

Dort, wo ich jetzt lebe, gab es jedenfalls früher wilde Schimpansen. Jetzt sind die wilden Populationen hier wahrscheinlich ausgelöscht wie in Benin, Togo und Gambia auch. Schimpansen gibt es jetzt in Westafrika nur noch in Côte d’Ivoire, Ghana, Guinea, Guinea-Bissau, Liberia, Mali, Senegal und Sierra Leone. Überall schrumpfen die Lebensräume und es wird weiterhin Jagd auf uns gemacht.

Also, ich bin Lolita, und ich habe noch ein paar Wünsche für den Rest meines Lebens.

Ich möchte mir jeden Abend aus Blättern und Zweigen ein Nest bauen. Hoch oben, das wäre fein. Ich möchte Schimpansenfreunde und -freundinnen kennenlernen. Wenn ich Angst vor ihnen habe (ich habe ja so lange keinen Schimpansen gesehen!) möchte ich mich zurückziehen können und von Weitem beobachten, was sie tun. Wir Schimpansen lernen viel durch Beobachtung. Ich hätte nie wieder Langeweile. Ich möchte Gras unter den Füßen haben und ein Blätterdach über mir und jeden Tag genug Früchte zu essen haben. Ein Baby möchte ich nicht mehr haben – ich habe ja nie gelernt, wie eine Mutter sich um ihr Kind kümmern muss! Vielleicht würde ich es verkehrt herum halten oder ihm wehtun. Aber mit Schimpansenkindern hätte ich gerne zu tun. Spielen macht mir immer noch Spaß!

Ich bin Lolita. Was wollt ihr noch von mir wissen?

Fragt mich!

 

Literatur

Goodall, J.M. (1962): Nest building behavior in the free ranging chimpanzee. Annals of the New York Academy of Sciences, Vol. 102.

— (1967): My friends the wild chimpanzees. Washington, D.C., National Geographic Society.

–(1968): The behaviour of free-living chimpanzees in the Gombe Stream Reserve.  Animal Behaviour Monographs, 1: 161–311.

Pruetz, J.D. (2007): Evidence of cave use by savanna chimpanzees (Pan troglodytes verus) at Fongoli, Senegal: Implications for thermoregulatory behavior. Primates 48.

Pruetz, J.D.  &· Bertolani, P. (2007): Savanna Chimpanzees, Pan troglodytes verus, Hunt with Tools. · Current Biology 17.

Sommer, V. (2011): LASST SIE MENSCHEN SEIN! Bild der Wissenschaft online, Ausgabe: 10/2011, Seite 20   –  Leben & Umwelt. http://www.bild-der-wissenschaft.de/bdw/bdwlive/heftarchiv/index2.php?object_id=32746771.

nie/06.17

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