Offener Brief zum Hundeverbot am Schlachtensee

„Die Stunde der Blockwarte“

Maschendrahtzaun_2Die Situation am Schlachtensee wird immer unerträglicher. Meldungen über verbale und tätliche Angriffe häufen sich. Christian Dierkes erzählt offen und anschaulich, wie es sich gerade anfühlt, am Schlachtensee unterwegs zu sein und wieso er die Spaziergänge mit seinem Hund am See so sehr vermisst. Ein offener Brief:

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Zehlendorf- Blog wird ein offener Brief zum Hundeverbot veröffentlicht. Ich selbst habe vor dem 15. Mai 2015 schon einen Haufen hämischer Kommentare und hinter dem Rücken gezischter Bemerkungen erleiden müssen und gehe dort seitdem nicht mehr.

Freunde tun es trotzdem und haben ähnliche Erfahrungen gemacht, Bedrohungen, Schrei- Attacken (Dreckschwein und mehr), belehrende Diskussionen.

Es ist eingetreten, was ich erwartet habe, eine Stadträtin hat mit einem unsinnigen Verbot und einer rigorosen Maßnahme das Schlechteste im deutschen Charakter hervorgebracht: das Ordnungsamt, die Polizei, wegen fehlender Rechtsgrundlagen ohnehin nicht befugt (denke ich), muß nicht eingreifen, das tun schon die streitsuchenden Blockwarte. Hunde sozialisieren Menschen positiv, Hundehalter rasten seltener aus, äußern sich überlegter, während Hundehasser (die meist nicht nur Hunde hassen) sofort mit Beleidigungen und mit einem unangemessenen Tonfall und unangemessener Wortwahl reagieren, was leider dann – notgedrungen – auch bei ruhigen Menschen entsprechende Reaktionen hervorruft.

Ich bin seit 1968 so gut jeden Sommer regelmäßig (fast täglich) im Schlachtensee baden gegangen, seit 30 Jahren haben wir verschiedene Hunde, mit denen wir seitdem fast jeden Tag und oft 3 mal am Tag spazieren gegangen sind, im Sommer oft verbunden mit einem Bad, nie, wirklich nie hat es Probleme mit Hunden und Differenzen mit Spaziergängern, Joggern etc… gegeben. Bei sehr gutem Wetter im Sommer sind wir dort nicht mit dem Hund gegangen, wegen des Drecks und um Badende nicht zu stören bzw. den Hund nicht dem Geschrei und Gewürge am See auszusetzen.    

Es ist so schön bei Sonnenaufgang am See zu gehen, jeden Tag ist er anders, die Wasservögel machen Geräusche, die Mandarinenten putzen und streiten sich, der Reiher fliegt auf, manchmal sitzen Kormorane wie eine Gruppe Beerdigungsunternehmer herum, bei Wind gibt es sogar Wellen und eine kleine Brandung; es riecht nach Wasser und frischer Luft (wenn die Menschen die Ufer nicht vermüllt haben). Der Sonnenaufgang, der See hat jeden Tag eine andere Farbe von dunkelgrün über Schwarz zu einem ernsten Grau, das Grün der Bäume ändert sich täglich, im Herbst spiegelt sich das bunte Laub in See. Die Sinne zaubert Streifen glänzendem Silbers auf die Wellen. Wir wohnen sehr schön, aber trotzdem ist der Schlachtensee über die Jahrzehnte zu einer zweiten Heimat geworden, Freundschaften haben sich gebildet, die wenigen Menschen, die am frühen Morgen dort sind haben meist auch ihre Hunden zum Baden mit gehabt.

Eine Freundschaft ist z.B. Frau Irmgard P., die an der Straße am Schlachtensee wohnt, und die mehrfach sehr krank war und nur durch den Gedanken an die Spaziergänge mit ihrem kleinen Hund am Leben gehalten wurde. Sie ist am Anfang des Verbotes mit ihrem kleinen alten Mischling Paula herunter zur Bank gegangen, die einzige mit Morgensonne, und von zahlreichen Menschen wüst angeschrien worden, sie wurde beleidigt und bepöbelt. Oben kann sie mit ihren über 90 Jahren aus Gesundheitsgründen wegen des schlechten Weges nicht gehen, eine Bank in der Sonne gibt es dort nicht, mit dem Auto kann sie nicht fahren, ihre zweite Heimat am See wurde ihr genommen, ich denke, das wird ihr letztlich das Herz brechen.

Meine Mutter geht im Sommer bei jeden Wetter täglich mit mir zum Baden zum See. Sie ist 91, sieht schlecht, ich kann sie eigentlich nicht alleine lassen, vor allen Dingen an den vermüllten und mit Scherben übersäten Badestellen am See, ich muß, schon aus Zeitgründen, parallel oben mit dem Hund gehen, der ohnehin nicht schwimmt, ich kann nicht auf sie achten und bin immer voller Angst, bis wir uns wieder treffen. Sie muß gefahren werden, diese Freude ist ihr genommen wie mein Spaziergang am See, ohne Hund habe ich keine Zeit dafür. Wollte ich schwimmen muß ich mich beeilen, an den See zu kommen, zu den ruhigen Zeiten geht es gar nicht mehr, mir ist diese Freude aus praktischen Gründen jetzt ganz genommen worden. Ich gehe oben durch den Wald, es ist um 6 kalt, man ist weit entfernt von den ersten Sonnenstrahlen, die mir in den letzten Jahren den Tag begrüßend ins Gesicht schienen und weitab von der Magie des Wassers.

 Wenn man sich so mit wenig Betroffenen unterhält kommen Argumente wie: die Hunde laufen über Handtücher, sie schütteln sich, ohnehin: die Kinder, die Kinder. Dass die die Hunde lieben und die etwas Älteren kräftig an den Müllbergen und die Kokelei bei Trockenheit arbeiten vergißt man, wenn man läuft hat man unten Dreck und Müll und auch kotbeschmierte Taschentücher mit menschenhaufen daneben, oben Ruhe, kein Müll, Sauberkeit.

Das Schlimme ist, neben des Zerstörens eines vorhandenen, seit Jahrzehnten funktionierenden Miteinanders, daß vielen Menschen – nicht nur Anwohnern – und ihren Hunden ihre zweite Heimt genommen wurde. Vielen kamen täglich mit der Bahn, gingen früh mit ihren Tieren und badeten und können den Tag mit heiterem Gemüt beginnen, Wir, die wir fest jeden Tag am See waren, natürlich auch auf den Hund achten, wird ein großer Teil des Lebens genommen für die Befindlichkeit weniger, die vergleichsweise sehr, sehr selten eine Einschränkung ihrer Bequemlichkeit hinnehmen mußten, und das, meiner Beobachtung in der Hauptsache, weil die meisten Beschwerden durch diejenigen, die gerade am Wochenende mit entsprechend wilden, nicht am Schlachtensee sozialisierten Hunden aus der Stadt kamen, ausgelöst wurden, ganz zu schweigen davon, daß oft jedes Pfitzelchen Uferstreifen mit Menschen besetzt ist.  

Schade, ich denke, es ist ein Zeichen von sehr, sehr schlechter Politik, wenn man Bürger gegeneinander aufwiegelt. Es wird, selbst wenn die unverständlichen Entscheidungen zurückgenommen werden, lange dauern, bis der Schaden, der durch diese Dummheit angerichtet wurde, wieder gut gemacht wird.

Mit freundlichen Grüßen

Christian Dierkes

Kommentare

Maren Hager schreibt () :

Ich kann die Argumente von Herrn Dierkes nur unterschreiben. Vor allem, die Regelung, dass Menschen, die sich gestört fühlen von Hunden, einfach nur auf die andere Seite des Sees rüber gehen müssen, um ihre Ruhe zu haben, ist seit Jahrzehnten gegeben: Wenn ich mich belästigt fühle von Hunden, gehe ich eben einfach auf die andere Seite rüber.
Statt in Hundehass Geld zu investieren (Schilder, Zäune…), könnten die Politiker sich ja auch entscheiden, in Hundefreundlichkeit zu investieren: Wie wäre es mit großen deutlichen Schildern, die darauf hin weisen, dass hier Hundeauslaufgebiet ist und Menschen, die ohne Hunde spazieren gehen wollen, bitte auf die andere Seite rüber gehen?

direkt antworten

Angela Schmidt schreibt () :

Ich kann mich den Worten von Herrn Dierkes und Frau Hager nur anschliessen.Es ist eine Schande was die Politik aus uns Bürgern macht. Hundehalter und Hundehasser gehen sich gegenseitig an die Gurgel wegen Nix.Es ging Jahrelang gut denn das Hundeauslaufgebiet gibt es schon Jahrzehnte. Ich bin oft mit meinen Hunden nach der Arbeit zur Krummen Lanke gefahren und am Wasser spazieren gegangen, denn morgens um 6:30 ist es wunderschön wenn die Sonne aufgeht. Einfach die Ruhe genießen was gibt es schöneres nach einer Nachtschicht? Es ist nicht hinnehmbar was die Politiker mit den Hundehaltern machen. Es fließen im Jahr ca 10 Mio. Euro Steuern durch uns in die Kassen vielleicht sollten die mal überlegen was passiert wenn wir keine Hunde mehr halten würden. Wieso regt sich keiner über den Müll und die Glasscherben auf den die „Badegäste“ am Ufer der Seen hinterlassen? Wer von den Badenden geht denn ca 1 Kilometer zu dem Klowagen? Kaum einer denn es ist ja zu einfach im Wasser zu pinkeln

direkt antworten

Sabine vom Bruch schreibt () :

Christian Dierkes und Angela Schmidt sprechen vielen aus der Seele, auch mir und Idefix. Seit dem Verbot und Terror bin ich dieses Wochenende (18.07.2015) zum ersten Mal wieder da gewesen. Ich hatte mir den schönsten Hundespaziergang der Welt bisher nicht nehmen lassen wollen und alles verdrängt. Geht natürlich nicht.

Wir, die wir hier mit unseren Hunden die Natur genießen und unsere Seelen auftanken, lassen uns das genauso wenig nehmen wie die Liebhaber des Tempelhofer Flugfeldes sich ihre Freiheit nicht zubauen lassen wollten. Ordnungsmaßnahmen gegen Freiheitsgefühle sind in Berlin ein politisches Pulverfass – und das ist gut so.

Betrachten wir die Sache eher rational, dann verstehe ich Einiges ganz und gar nicht:
– Warum haben Hundeauslaufgebiete an besonders begangenen Stellen, wie am Ufer oder in Parkplatznähe, keine Papierkörbe, um den viel diskutierten Hundedreck, der das Wasser verschmutze, beseitigen zu können. Das gilt nicht nur für die Ufer des Schlachtensees und der Krummen Lanke, auch für das noch viel stärker frequentierte Auslaufgebiet Grunewaldsee und alle weiteren.
Die Uferzonen und das Wasser könnten mit ausreichend großen Abfalltonnen, Hundebeutelspendern versehen, viel sauberer, geruchsfreier und hygienischer sein.
Der Zoff und die Wut wären sehr viel geringer, wenn sich Berliner Forsten, Grünflächenämter, Bezirksämter und Senat nicht mit allen Maßnahmen im Wege stünden, sondern für saubere Wälder und Parks an einem Strang zögen.
Die BSR macht es doch vor mit ihren „Würstenbuden“. Ich finde auch, dass die Papierkörbe im Grünen ruhig orange leuchten dürfen, dann sieht man sie viel schneller. Sie müssten dort wahrscheinlich mindestens doppelt so groß sein.

– Wenn hier wirklich eine Änderung im Umgang mit freilaufenden Hunden gewünscht ist, halte ich einen echten Kompromiss für die einzig mögliche Einschränkung.
z.B. samstags Menschen und freilaufende Hunde, sonntags nur Menschen und Menschen mit angeleinten Hunden
z.B. morgens vom Morgengrauen bis 14 Uhr: Menschen und freilaufende Hunde, danach nur Menschen und angeleinte Hunde
z.B. ein zweites kleines eingezäuntes hundefreies Badegebiet, damit Leute mit Hundephobie und / oder Kleinkindern ungestört baden können; der Rest bleibt für Mensch und Hund im bisherigen Auslaufgebiet frei zugänglich. Wer das nicht will, geht auf die andere Uferseite mit der S-Bahn-Station, dort müssen Hunde ja ohnehin an die Leine.

– Ein völliges Hundeverbot auf dem Uferweg halte ich für undurchsetzbar. Man muss doch überall (außer in Lebensmittelläden bzw. -abteilungen, Wochenmärkten und Friedhöfen) einen Hund an der Leine mitnehmen dürfen.

– Dazu wäre eine Einführung der Änderungen mit Mediation statt Konfrontation, und das vor allem von Anfang an, sehr viel geschickter gewesen. Etwas einführen und nicht zu Ende denken und der Selbstjustiz überlassen? Politik geht anders. Wählerstimmen kriegt doch nur der- oder diejenige, die die Betroffenen anspricht und mitnimmt und ihnen erläutert, warum das Ganze für notwendig erachtet wird!!!

– Die neue Beschilderung ist irreführend und völlig unlogisch.
Warum darf ich mit gelbem Schild den Hund an der Leine zum See hinunterführen und dann dort unten nicht weiter gehen? Hat denn niemand, der diese Beschilderung aufgestellt hat, die mit Hunden erlaubten Wege von allen Seiten aus ausprobiert?
Warum ist der Weg im Auslaufgebiet am Hochufer mit Blick auf den See (an dem entlang jetzt der Zaun angebracht ist und der auf der Karte gepunktet eingetragen ist), widersprüchlich und nur in einer Richtung beschildert? Es bleibt völlig unklar, ob man dort nun freilaufen lassen darf oder nicht. Auf der einen Seite des Weges ist grün, auf der anderen gelb. Kann doch nicht sein, dass ich am rechten Wegesrand das Eine und am linken Wegesrand das Andere darf?!! Mal ganz ehrlich. Wer nimmt das denn Ernst?

direkt antworten

Jetzt kommentieren:

Copyrights © 2017 Erna-Graff-Stiftung. All Rights reserved.