Tierärztin fordert mehr Rechte für Robben in Schleswig-Holstein

Seit über 25 Jahren kümmert sich die Föhrer Tierärztin Janine Bahr um verletze und verwaiste Robben. Und bekommt dafür regelmäßig Ärger mit den Behörden. Denn laut geltendem Recht in Schleswig-Holstein dürfen einzig Seehundjäger über das Schicksal dieser Tiere entscheiden. Doch ihnen fehlen die nötigen veterinärmedizinischen Kenntnisse für solche Entscheidungen über Leben und Tod, sagt Janine Bahr und kämpft seit Jahren um eine Gesetzesänderung.

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Der Seehund ist das Wappentier der Nordseeregion

Wird in Schleswig-Holstein ein hilfsbedürftiger Seehund gefunden, muss einer der rund 40 ehrenamtlich tätigen Seehundjäger gerufen werden. Doch oft genug landen Hilferufe auch bei Janine Bahr, Tierärztin und seit einigen Jahren Betreiberin des Robbenzentrums in Wyk auf Föhr. Mit dem Zentrum hat sie eine Möglichkeit geschaffen, die oftmals dehydrierten, zu kleinen oder verletzten Tiere adäquat zu versorgen. Eigentlich müsste Bahr, um sich nicht der Aneignung eines Wildtieres strafbar zu machen, den Seehundjäger sofort – noch vor der Erstversorgung des Tieres – über den Fund informieren. Doch ihre Erfahrung zeigt, dass die Jäger 80% dieser Robben noch vor Ort erschießen, obwohl man sie wieder fit bekommen hätte. Den Grund dafür sieht Bahr darin, dass die einzige zur Aufnahme und Pflege von Heulern autorisierte Station in Friedrichskoog jedes Jahr nur eine begrenzte Zahl von Tiere aufnimmt und alle Tiere über dieses Kontingent hinaus sterben müssen. Nimmt Janine Bahr die kranken Tiere zur Untersuchung und Behandlung mit zu sich in die Praxis, ohne eine entsprechende Meldung zu tätigen, macht sie sich aber strafbar. Doch dieses Risiko nimmt die engagierte Tierfreundin gerne auf sich. „So habe ich zumindest ein wenig Zeit, die Tiere so stabil zu bekommen, dass sie den unmittelbar nach Meldung veranlassten Transport nach Friedrichskoog hoffentlich überstehen und gute Chancen haben, in der dortigen Station gesund gepflegt zu werden.“
Bereits mehrfach wurde Bahr wegen Wilderei angezeigt, zu einer Verurteilung kam es bisher aber nie. „Dennoch muss ich bei jedem Verfahren die Gerichtskosten tragen. Dazu kommen der Stress und die Sorge, die mein Engagement für die Robben sehr beeinträchtigen und enorm viel Kraft kosten.“, erklärt die Tierärztin. Um Janine Bahr bei ihrem bewundernswerten Einsatz zu unterstützen, hat sich nun die ERNA-GRAFF-Stiftung eingeschaltet und wird sowohl finanzielle Hilfe leisten, als auch mediale Öffentlichkeit für das Problem herstellen. Klares Ziel wird sein, Bahrs Forderung nach einer Gesetzesänderung zu unterstützen.

Janine Bahr und André van Gemmert mit einem Heuler

Janine Bahr und André van Gemmert mit einem Heuler im Robbenzentrum

Doch bis es soweit ist, wird noch viel Arbeit von Nöten sein. Die Behörden stehen auf dem Standpunkt, dass man sich nicht der natürlichen Selektion in den Weg stellen solle und daher nicht jedes Tier retten müsse. Janine Bahr hält dagegen: „Ich sehe mich als Tierärztin in der ethischen Pflicht jedem einzelnen Geschöpf zu helfen. Zudem bin ich mir sicher, dass die Jäger oftmals falsche Entscheidungen treffen, da ihre Ausbildung unzureichend ist. Deshalb setze ich mich seit Jahren dafür ein, dass das fachlich längst überholte Robbengesetz an den aktuellen wissenschaftlichen Stand angepasst wird und nicht mehr Seehundjäger die Einschätzung zum Gesundheitszustand der Robben vornehmen, sondern Tierärzte.“ In ihrem Kampf bekommt Bahr nicht nur von der ERNA-GRAFF-Stiftung Zuspruch. Auch Fachanwälte und Tierarztkollegen teilen ihre Einschätzung zur Situation der Robben. „Von natürlicher Selektion zu sprechen, halte ich für absolut bedenklich.“, äußert sich z.B. Prof. Hartwig Bostedt von der Justus-Liebig-Universität in Gießen in einer Stellungnahme. „Viele Tiere sterben durch menschlichen Einfluss, z.B. Schiffsverkehr und Umweltkatastrophen. Den durch Umweltbedingungen verursachten Schäden können sich auch gesunde Neugeborene in ihrer empfindlichen Entwicklungsphase nicht entziehen. Daher muss allen geschädigten Jungtieren Schutz und Fürsorge angedeihen.“ Auch die Bundestierärztekammer kritisiert die mangelnde fachliche Kompetenz der Seehundjäger und fordert: „Die Entscheidung über die Tötung von erkrankten, geschwächten oder verlassen aufgefundenen Robben hat grundsätzlich ein Tierarzt zu treffen.“ Der Anwalt Konstantin Leondarakis hält das Gesetz zum Umgang mit den Robben sogar für teilweise tierschutzwidrig. „Die Vorgaben des Tierschutzgesetzes werden nicht ausreichend bzw. gar nicht berücksichtigt. Ein Seehund darf nur aus einem wichtigen Grund getötet werden, der allein der sein kann, dass das Tier unter keinen Umständen mehr überlebensfähig ist, auch nicht mit tierärztlicher Hilfe.“

Dieses Jungtier hatte Glück und wird versorgt

Dieses Jungtier hatte Glück und wird versorgt

Die Behörden wehren sich. „Wir überprüfen die erschossenen Tiere in stichprobenartigen Kontrollen. Die Entscheidungen der Seehundjäger waren richtig, alle untersuchten Tiere hatten unheilbare Schäden, häufig in Folge von Lungenwürmern“ Bereits 2002 konnten mehrere TV-Dokumentationen diese Behauptungen aber widerlegen. Janine Bahr hatte damals einige der toten Tiere selbst in Augenschein genommen und konnte zeigen, dass die Mehrheit der Tiere sehr wohl überlebensfähig gewesen wäre. Ihre jahrelange Praxis hat zudem gezeigt, dass auch die von den Behörden angeführten Lungenwürmer keineswegs ein Todesurteil sein müssen. „Wir konnten unsere Lungenwurm-Patienten nach entsprechender Behandlung immer gesund ins Meer zurück entlassen.“
Bisher beharren die Behörden trotz der jahrelangen Kontroversen auf ihrem Standpunkt und legten Bahr Anfang Dezember mit einer weiteren Anzeige und einem angedrohten Bußgeld von bis zu 5000 Euro erneut einen Stein in den Weg. Ihr Kampfgeist wird dadurch nicht geschmälert: „Ich weiß, wofür ich kämpfe und werde deswegen immer weitermachen. Zu wissen, dass ich auf die Unterstützung der ERNA-GRAFF-Stiftung zählen kann, gibt mir wieder Kraft. Hoffentlich können wir bald erreichen, dass der Seehund in Schleswig-Holstein den Schutz bekommt, den er als Wappentier der Nordseeregion verdient hat!“

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