Erna-Graff-Stiftung

Buchkritik

Neue Buchrezension: „…und herrschet über das Vieh“ von Hans-Heinrich Fiedler

Schwein, Pute und Huhn – Sache oder Mitgeschöpf ?

„Wir haben es satt“ – unter diesem Motto haben am 17. Januar in Berlin 50 000 Menschen gegen industrielle Landwirtschaft demonstriert und damit große Aufmerksamkeit in Medien und Gesellschaft geweckt.

Zahlen, Fakten und eine klare Haltung zur industriellen „Nutz“-tierhaltung finden alle Interessierten in dem Buch von Dr. Hans-Heinrich Fiedler, das vor kurzem erschienen ist. Als Fachtierarzt für Pathologie mit über 30jähriger Berufserfahrung und engagierten Christen beschäftigt H.-H. Fiedler dieses Thema schon lange.

In seinem Buch weist Fiedler auf die zwiespältige Beziehung der Menschen zu den Haustieren hin, die den Tieren nicht gerecht wird.

...und herrschet über das ViehWeder sind Tiere „bessere Menschen“, noch sind sie bewegliche Sachen oder Rohlinge für bestimmte tierische Produkte wie Eier, Milch und Fleisch.

Sie sind ganz im Gegenteil mit einer eigenen Würde ausgestattet, die es neu zu entdecken und zu bestaunen gilt. Tiere sind Mitgeschöpfe.

Fiedler leistet Aufklärungsarbeit im besten Sinne des Wortes. Er informiert, erklärt und stellt Zusammenhänge her in einer Sprache, die jeder versteht.

Er spricht von Interessen und von Werten, von der Verantwortung aller Menschen, insbesondere der Politik und der Kirchen. Fiedler vergleicht Anspruch und Wirklichkeit, indem er hinterfragt, wie die gesetzlichen und biblischen Vorgaben zur Mitgeschöpflichkeit und Schöpfungsbewahrung in unserer Gesellschaft und in den Kirchen tatsächlich gelebt werden.

Zugleich macht er die globalen Folgen des hohen Fleischkonsums für Welthunger, soziale Gerechtigkeit, Gesundheit, für Ökologie und Biodiversität deutlich.

Fiedler schreibt knapp und sachlich. Er hat aber nicht nur aus fundierter Beschäftigung mit dem Thema gewonnene Überzeugungen, sondern auch eine klare Haltung als Tierarzt und gläubiger Christ.

In Kapitel I zeigt der Autor, dass, wenn man die Bibel mit einer speziellen Hermeneutik, etwa mit den Augen eines theologischen Zoologen liest, erstaunt feststellen wird:

Die Tiere sind die Gesegneten in einer mannigfaltigen Welt, die uns demütig werden und die Tiere wertschätzen lässt. Nach Lektüre der Schöpfungsberichte kann man nicht mehr die Natur vergessen, nicht mehr so tun, als sei das Schicksal von Puten, Schweinen und Hühnern bedeutungslos, dann haben wir Verantwortung und müssen dieser nachkommen.

Sehr sachlich informiert Kapitel III über artgerechte Tierhaltung in nachhaltiger Bewirtschaftung einerseits und über die sogenannte ordnungsgemäße oder konventionelle „Nutz“-tierhaltung, in der 95% aller Nutztiere leben, andererseits. Artspezifische, natürliche Verhaltensweisen der einzelnen Tierarten werden beschrieben und das Wichtigste zu Qualitätssiegeln, Labels, Kennzeichnung von Eiern, zu Zucht, Mast, Transport und Schlachtung erklärt.

Übersichtlich und ausreichend detailliert befasst sich Kapitel IV mit den Folgen einer auf unbegrenzten Konsum und weltweites Wachstum ausgerichteten landwirtschaftlichen Tierhaltung. Was für Landschaften, Böden, Gewässer, welche Gesundheitsschäden und klimatische Veränderungen hinterlässt die Massentierhaltung und wer kommt für die Schäden auf?

Kapitel V und VI sind dem Verhalten von Politik und Kirchen gewidmet. Beide müssten viel stärker „nein“ sagen. Aber obwohl die Sensibilität der Öffentlichkeit für Mitgeschöpflichkeit und Tierschutz stark gewachsen ist, reagiert Politik nicht oder unzureichend.

Dafür sorgt in erster Linie eine starke personelle Verflechtung zwischen Deutschem Bauernverband und CDU im Bundestag. Der Tierschutz wird von Regierungsseite weitgehend ignoriert. Auch die großen Kirchen lassen keine klare, im alltäglichen Leben konsequent gelebte Position erkennen, weshalb es nicht verwundern darf, wenn ihnen mangelnde Glaubwürdigkeit vorgeworfen wird. Im Weiteren gibt Fiedler mit eigenen praktischen Erfahrungen verbundene Anregungen, wie das Tier als Mitgeschöpf seiner Bedeutung gemäß im kirchlichen Handeln verankert werden muss.

Fiedlers Buch ist für alle interessierten Menschen – innerhalb und außerhalb kirchlicher Gemeinden – Gewinn, Informationsquelle und Denkanstoß. Nur als informierte Menschen können wir nachhaltige Veränderungen bewirken, indem wir das Verhältnis zum Mitgeschöpf Tier überdenken und Verantwortung übernehmen.

Die derzeitig weitverbreitete konventionelle Tierhaltung kann von Ländern, die sich christlich nennen, nicht verantwortet werden. Zwar leben wir in unserem Leben immer auch auf Kosten anderen Lebens. Unsere Verantwortung gebietet jedoch, auf anderes Leben Rücksicht zu nehmen und dabei die Tiere mit ihren Bedürfnissen und ihrer Würde einzubeziehen.

Das „Prinzip Mitgeschöpflichkeit“ in unserem Alltag zu leben, dazu fordert uns Hans-Heinrich Fiedler auf.

Das Buch ist im November 2014 im Isensee Verlag, Haarenstr. 20, 26122 Oldenburg, erschienen.

ISBN 978-3-7308-111-5

Die Erna-Graff-Stiftung für Tierschutz dankt Herrn Karl Pfizenmaier für diese Rezension.

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