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Qualzucht bei Katzen

Tiere in Not schützen

Hauskatze, Wildform Falbkatze  (Felis silvestris lybica)

Die Katze begleitet den Menschen seit mehr als 2000 Jahren (Driscoll et.al. 2007). In dieser langen Zeit hat die Katze bei weitem nicht so viele züchterische Umgestaltungen erfahren wie der Haushund. Erst etwa ab der Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die Katzenzucht weltweit. Regionale Typen wurden zu eigenständigen Rassen weiterentwickelt, andere entstanden durch Aufspaltung einer Rasse, oder durch Rassekreuzungen. Auch Katzen mit durch Mutationen entstandenen ungewöhnlichen Körpermerkmalen wurden zu Begründern neuer Rassen. Die für ein Haustier eher späte Zunahme der Rassenvielfalt kann vielleicht mit der immer häufiger werdenden Wohnungshaltung von Katzen erklärt werden. Vor der Mitte des 20 Jahrhunderts waren Katzen in der Regel Freigänger und auch weitgehend Selbstversorger. Eine Katze nur drin zu halten forderte vom Halter Arbeit und Wissen rund um Hygiene und Fütterung. Die reine Wohnungshaltung wurde erleichtert durch die Entwicklung von Katzenstreu und der Entwicklung von haltbarem Fertigfutter, das dem Halter die Verantwortung für die Zubereitung von physiologisch gesundem Futter abnahm. Die Wohnungshaltung ermöglichte auch, sehr wertvolle und auch empfindlichere oder gesundheitlich anfällige Tiere zu halten. Mittlerweile sind etwa siebzig Katzenrassen von den großen Zuchtverbänden anerkannt. Viele weitere sind noch im Anerkennungsverfahren oder davor.

Das Gutachten zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes (Verbot von Qualzüchtungen, BMEL 1999) listet 15 Katzenrassen mit insgesamt acht Merkmalen als Qualzuchten auf. Die Beschreibung einiger Merkmale, des Vorkommens und der damit verbundenen und tierschutzrelevanten Symptome sind dem Gutachten entnommen und unten verkürzt und auch verändert wiedergegeben (Literatur dort zitiert).

 

 

Liste einiger Qualzuchtmerkmale bei Katzenrassen (vollständige Liste s. Gutachten)

Merkmal 1: Kurzschwänzigkeit bzw. Schwanzlosigkeit  

Manx Katze

Unterschiedlich ausgeprägte Verkürzung der Schwanzwirbelsäule gibt es bei verschiedenen Rassezuchten. Es werden Katzen mit verkürzten oder mit Stummelschwänze, sowie völlig schwanzlose Katzen gezüchtet.

Vorkommen: Kurzschwänzige bzw. schwanzlose Tiere treten sporadisch in allen Katzenpopulationen, vor allem aber gewünscht bei den Rassen Manx, Cymric, Japanese Bobtail und Kurilen Bobtail auf. Manxkatzen haben häufig Wirbelmissbildungen. Das Ausmaß der Defekte, deren Auswirkungen vor allem im Bereich der Hinterhand zu erwarten sind, ist an die Schwanzlänge gekoppelt. Defekte im Bereich des Beckens und des Rückenmarks, mit neurologischen Ausfallserscheinungen sowie Schädigungen des Enddarms und andere Symptome sind zu erwarten. Der Schwanz ist für die Katze ein wichtiges Körperteil für die artgerechte Fortbewegung (balancieren beim Laufen, Springen und Klettern) und ist auch ein Kommunikationsmittel der Katzen in der innerartlichen Kommunikation (Steilstellung, Wedeln, Haaresträuben etc.). Bei kurzschwänzigen und schwanzlosen Katzen ist mit deutlichen Störungen der Bewegungsabläufe zu rechnen. Bei Manxkatzen ist das Absterben der Embryonen möglich.

Ein Zuchtverbot für die Rassen Manx und Cymric wird ausgesprochen. Für andere Rassen sollen die Zuchtverbände tierärztliche Überprüfungen der Tiere vornehmen, bevor diese in der Zucht verwendet werden.

Merkmal 2: Brachyzephalie (Kurzköpfigkeit)

Perserkatze

Großer, rundlicher Kopf mit kurzer, breiter Nase und ausgeprägtem Stop (Winkel Stirn-Nasenrücken). Als Extrem ist eine Stupsnase ausgebildet, bei welcher der obere Rand des Nasenspiegels deutlich höher liegt als das Niveau der unteren Augenlider.

Vorkommen: Kurzköpfigkeit ist Zuchtziel vor allem bei Perserkatzen (extrem der Peke-face Typ) und Exotic Shorthair. Bei allen Rassen mit dem Zuchtziel „Kurzköpfigkeit“ können Neigung zu Schwergeburten, gesteigerte Totgeburtenrate, Verkürzung des Oberkiefers, Verengung der oberen Atemwege (Nasenstenose, Veränderung der Nasenscheidewand u. a.) sowie Verengung der Tränennasenkanäle auftreten.

Zuchtverbot für extrem kurznasige Tiere, bei denen der obere Rand des Nasenspiegels über dem unteren Augenlidrand liegt.

Merkmal 3: Anomalien des äußeren Ohres

Die Ohrmuscheln sind nach vorne (Kippohr) oder nach hinten (Faltohr) abgeknickt.

 

 

Scottish Fold

Vorkommen: Nach vorne gerichtete Kippohren treten sporadisch und insbesondere bei den Rassen Scottish Fold, Highland Fold, Pudelkatze u.a. auf.  Die für Hänge- und Kippohren verantwortliche genetische Ausstattung kann auch zu Schäden an Knochen und Gelenken führen, so dass es zu Gelenksdeformationen und daraus resultierend zu schmerzhaften Bewegungsstörungen kommen kann. Ohren dienen der Katze auch als Signalgeber und haben eine Funktion bei sozialer innerartlicher Kommunikation. Diese Funktion aber ist bei abgeknickten Ohrmuscheln eingeschränkt.

Das Gutachten empfiehlt Zuchtverbot für Linien, die auf Grund der Genetik auch Knochen- und Knorpelschäden entwickeln können.

 

Merkmal 4: Polydaktylie (Vielfingerigkeit)

Die Pfoten weisen überzählige Zehen (> 5 Zehen) vorwiegend an den Vorderextremitäten auf. Auch die Hinterpfoten können betroffen sein.

Polydaktylie

Vorkommen: Bei dieser Form der Mutation handelt es sich um einen Defekt, der sporadisch bei allen Rassen auftreten kann. Er tritt gehäuft bei der Rasse Maine Coon auf und wird bei der amerikanischen Rasse „Superscratcher“ gezielt gezüchtet.

Das Gutachten empfiehlt ein Zuchtverbot für Merkmalträger.

 

 

 

Merkmal 5: Farbaufhellungen des Felles und der Iris, Taubheit

Die Farbe des Fells ist aufgehellt bis weiß, die Augenfarbe ist häufig blau, kann aber auch grün bis kupferfarben sein bzw. die Tiere haben ein blaues und ein andersfarbenes Auge (Iris-Heterochromie bzw. „odd-eyed“).

Weiße Katze, Odd-Eyed

Vorkommen: Rein weiße bzw. überwiegend weiß gescheckte Tiere gibt es häufig bei folgenden Rassen: Türkische Angora, Perserkatzen,  Foreign White, Russian White und Van-Katze. Häufig wird gleichzeitig auf eine bestimmte Augenfarbe – blau, orange bis kupferfarben oder heterochrom – gezüchtet. Bei rein weißen Katzen, deren Fellfarbe durch das Farbgen ‚W‘ bestimmt ist, treten Schwerhörigkeit oder Taubheit in unterschiedlicher Ausprägung auf. Vor allem weiße Tiere mit blauen Augen sind betroffen, aber auch ca. 7 % der gelbäugigen Tiere. Ebenfalls mit dem Farbgen ‚W‘ können Schäden am Auge einhergehen, die den betroffenen Katzen vor allem in der Dämmerung und in der Nacht Probleme bereiten. Die Schwerhörigkeit/Taubheit wird durch Fehlentwicklungen der Hörorgane bedingt. Die Wahrnehmung von Lauten ist für das Sozialverhalten und für das Beutefangverhalten von ausschlaggebender Bedeutung. Taube Katzen können eventuelle Drohlaute von Artgenossen nicht wahrnehmen, können das Fiepen und Schnurren ihrer Welpen nicht hören und die akustische Wahrnehmung der Beute ist unmöglich.

Das Gutachten spricht sich für ein Verbot der Züchtung von Katzen aus, bei denen die Färbung auf das Farbgen ‚W‘ zurückgeht. Zudem müssen alle weißen Katzen bevor sie in der Zucht Verwendung finden audiometrisch und ophthalmologisch geprüft werden. Eine Weiterzucht von Katzen mit Hör- oder Sehschäden ist untersagt.

[Anmerkung: Hier kam der §11b (in der alten Fassung)  zur Anwendung. Eine Züchterin aus Hessen hatte weiße, taube Perserkatzen gezüchtet und wurde von einem aufmerksamen Veterinär angezeigt.  Das Amtsgericht Kassel verurteilte sie wegen einer vorsätzlichen Qualzucht zu 500 Mark Geldbuße (Wegener 1994, Quelle: 626 Js 11179.8/93; NStE Nr.1 zu § 11b TierSchG.)].

Merkmal 6: Chondrodysplasie

Munchkin

Disproportionierter Zwergenwuchs mit Verkürzung der langen Röhrenknochen und damit Verkürzung der Gliedmaßen.

Vorkommen: Die „Kurzläufigkeit“ tritt bei Katzen bislang nur vereinzelt auf. Nur bei der Munchkin (Dackelkatze) wird gezielt auf dieses Merkmal gezüchtet. Infolge von vermindertem Längenwachstum der langen Röhrenknochen sind die Gliedmaßen deutlich verkürzt. Durch die verkürzten Gliedmaßen sind die Körperproportionen so verändert, dass die Tiere in ihren artspezifischen Bewegungsabläufen eingeschränkt sind. Mit weiteren Schäden wie Bandscheibenveränderungen muss gerechnet werden.

Ein Verbot zur Zucht mit den Merkmalsträgern wird ausgesprochen.

[Anmerkung: Ende der 90er Jahre kam aus Amerika eine weitere Katzenrasse mit verkürzten Beinen auf den Markt: die Kängurukatze. Ihr ist durch verkürzte Vorderextremität nur eine hoppelnde Fortbewegung möglich.]

 

 

 

Merkmal 7: Anomalien/Abweichungen des Haarkleides

Gestörtes Haarwachstum bis hin zur völligen Haarlosigkeit. Verkürzung bzw. Fehlen der Tasthaare.

Canadian Sphynx

Vorkommen: Die gezielte Zucht auf Anomalien des Haarkleides erfolgt bei den Rexkatzen (Devon-, Cornish-, German Rex u. a.) und „Hairless“-Katzen wie der Sphinx (Canadien und Don Sphinx). Von gänzlicher oder partieller Haarlosigkeit, oder gekräuselten Körperhaaren betroffene Katzen besitzen keine funktionsfähigen Vibrissen am Kopf oder am Körper. Da Tasthaare ein wesentliches Sinnesorgan für die Katze sind, ist ihr Fehlen oder ihre zur Funktionslosigkeit führende Umgestaltung als Qualzuchtmerkmal zu werten. Ihnen kommt vor allem im Dunkeln zur Orientierung Bedeutung bei, aber auch beim Fangen und Abtasten der Beute, beim Untersuchen von Gegenständen und bei der Aufnahme sozialer Kontakte.

Empfehlung ist das Zuchtverbot für Katzen, bei denen die Tasthaare fehlen.

[Anmerkung: Mittlerweile gibt es weitere Züchtungen (zum Teil noch nicht international als Rasse anerkannt) mit Abweichungen des Haut- und Haarkleides sowie anderer prinzipiell schädlicher Merkmale: u.a. die Peterbald, die Bambinokatze, die Ukrainische Levkoy, Dwelf, Kohona, Elfenkatze, Minskin und die Lykoi.  ]

 

 

Das Nacktkatzenurteil von Berlin

Zwar ist die Liste der Qualmerkmal geschädigten Katzenrassen lang. Nach dem Urteil über eine Zucht weißer Perserkatzen (s.o.) ist die Nacktkatze aber erst der zweite Fall in der Rassekatzenzucht, bei dem der Tierschutz einen Erfolg hatte und ein Zuchtverbot ausgesprochen wurde.

Wie oben gezeigt, setzt sich das Gutachten für ein Zuchtverbot von Katzenrassen ein, wenn diesen zuchtbedingt die Schnurrhaare fehlen. Die Begründung für das Verbot, Katzen ohne Vibrissen zu züchten lautet:

„Nach §11b ist es ausdrücklich verboten, Tiere zu züchten, die erblich bedingt Schmerzen, Leiden oder Schäden haben“.

Schnurrhaare sind für die Katze von großer Bedeutung bei der Orientierung im Nahbereich. Erst bei ca 20 cm Entfernung vom Objekt ist es ihnen möglich es scharf zu sehen (Ketring 2014). Sie können das zu nahe Objekt aber mit den Schnurrhaaren betasten und sich so ein ‚Bild‘ davon machen. Die Bedeutung der Schnurrhaare bei Katzen ist eindrucksvoll belegt durch eine Untersuchung an blinden Katzen. Bei diesen wurde der Verlust der Sehfähigkeit kompensatorisch ausgeglichen durch signifikant verstärktes Wachstum der Vibrissen im Gesicht (Rauschecker 1995).

Das Fehlen eines Sinnesorgans muss als Schaden für das Tier angesehen werden.

Obwohl das Gesetz hier eindeutig ist, waren (und sind) haarlos gezüchtete Katzen ohne Vibrissen auf Ausstellungen zu finden und werden von ihren Züchtern zum Kauf angeboten. Im Berliner Raum ist die Zucht solcher betroffenen Katzen nun nicht mehr möglich. Im Urteil vom 23.09.2015 wurde vom Verwaltungsgericht Berlin ein Zuchtverbot für eine Zucht von Canadien Sphinx Katzen ohne Vibrissen ausgesprochen.

Der Fall:

Die Züchterin des zugrunde liegenden Falls hielt und züchtete haarlose Katzen der Rasse Canadian Sphinx. Ihrem Zuchtkater fehlten komplett die Vibrissen, inklusive der Haarfollikel in der Haut. Der Kater wies weder Schnurrhaare noch Wimpern noch Tasthaare an anderen Körperstellen auf.

Sphynx Katze, FIFé Katzenausstellung, Valencia, Spanien, 2012, Foto: Birgitta Kuhlmey

Das Veterinär- und Lebensmittelaufsichtsamt des Bezirksamts Spandau untersagte ihr deshalb nach § 16a Abs. 1 Satz 1 TierSchG („Die zuständige Behörde trifft die zur Beseitigung festgestellter Verstöße und die zur Verhütung künftiger Verstöße notwendigen Anordnungen.“) die Zucht und forderte sie auf, den von ihr gehaltenen Kater kastrieren zu lassen. Hiergegen wandte sich die Züchterin und der Fall wurde vor dem VG Berlin verhandelt. Das Gericht bestätigte mit dem Urteil vom 23. September 2015, Aktenzeichen: VG 24 K 202.14, die Rechtmäßigkeit des Zuchtverbots. Die Zucht wurde in Berlin eingestellt.

Vor Gericht musste jedoch zunächst geklärt werden, ob die Tasthaare in der Tat als Sinnesorgane zu werten sind. Dies wurde durch ein tierfachärztliches Gutachten bestätigt. Aus den Entscheidungsgründen:

Dass das Fehlen funktionsfähiger Tasthaare nicht lediglich eine nur geringfügige oder rein optische Abweichung darstellt, ergibt sich dabei schon daraus, dass es sich bei den Tasthaaren um für alle Katzen wesentliche Sinnesorgane handelt (s. o.), mit deren Hilfe sich Katzen ihrer Art entsprechend bei dunklen Lichtverhältnissen und an engen Stellen orientieren und die außerdem den Katzen zur Kommunikation dienen. Diese Abweichung ist von einem solchen Gewicht, dass sie von dem gerichtlich bestellten Gutachter zu Recht als Schaden qualifiziert worden ist:  „..dass das Fehlen der Tasthaare von Katzen und die damit einhergehende Einschränkung der Nachzucht bei Wahrnehmungen im Nahbereich, beim Fangen und Abtasten der Beute und bei der Aufnahme sozialer Kontakte als „Körperschaden“ zu bewerten sei, der die Katze in ihrer Fähigkeit zu arttypischem Verhalten so einschränke, dass dies zu andauernden Leiden führt“ (Zusammenfassung Seite 8 des schriftlichen Gutachtens). Das Vorliegen eines Schadens hat er (der Gutachter) in der mündlichen Verhandlung nochmals ausdrücklich bestätigt (vgl. Protokoll, Seite 4 unten) und dabei auch den Einwand zurückgewiesen, ein Schaden liege deshalb nicht vor, weil das Tier den Mangel anderweitig ausgleichen könne. Die Kammer macht sich die überzeugenden Ausführungen des Gutachters zu Eigen, die durch die Klägerin nicht substantiiert in Zweifel gezogen worden ist.

Es ist nun durch das Gericht erwiesen, dass das Fehlen von Tasthaaren als ein Fehlen von Sinnesorganen zu werten ist. Ihr Fehlen ist eindeutig ein Schaden für das Tier. Das Gericht ging ebenfalls auf das Argument ein, Verhaltensauffälligkeiten müssten nachgewiesen werden, um einen Schaden für das Tier nachzuweisen. Das Gericht stellte fest: „Auf etwaige Verhaltensauffälligkeiten kommt es nicht an. Ein Schaden im Sinne des § 11b Abs. 1 TierSchG liegt schon bei einer nicht unerheblichen Abweichung vom Normalzustand vor. Zudem sind Verhaltensauffälligkeiten aufgrund fehlender Tasthaare nur schwerlich feststellbar, da zu erwarten ist, dass die Candian-Sphynx-Katzen das Defizit durch andere Sinnesorgane (teilweise) kompensieren. Für die Annahme einer verbotenen Qualzucht reicht es nach § 11 b TierschG aber aus, dass bei der Nachzucht ein erblich bedingter Schaden zu erwarten ist; etwaige Schadenskompensationen schließen das Verbot nicht aus“. Tatsächlich kommen auch taube Katzen (z.B. s.o. Katzen mit Farbgen W) in aller Regel gut in (ihrer vertrauten) Umgebung zu recht. Das gilt auch für die in der Wohnung gehaltenen Nacktkatzen. Laut Gericht muss nun aber nicht nachgewiesen werden, dass derart gehandicapte Tiere sich auch auffällig verhalten.

Die Neufassung des Paragraf 11b Abs. 1 TierSchG durch das Dritte Änderungsgesetz von 2013 erlaubt nun ein Verbot einer Qualzucht, wenn nach züchterischen Erkenntnissen mit hinreichender Wahrscheinlichkeit die Prognose gerechtfertigt ist, dass das Fehlen oder die Untauglichkeit oder die Umgestaltung von Körperteilen oder Organen für den artgemäßen Gebrauch vererbt wird und dass auf Grund dieser Vererbung Schmerzen, Schäden oder Leiden bei der Nachzucht oder deren Nachkommen auftreten. Es muss nun nicht mehr überwiegend wahrscheinlich sein, dass Schäden signifikant häufiger auftreten, als es zufällig zu erwarten wäre. In der alten Fassung des §11b konnte die lediglich naheliegende Möglichkeit, dass es zu Schäden kommen werde, nicht ausgereichen für ein Zuchtverbot (vgl. Bundesverwaltungsgericht, Urt. v. 17.12.2009, 7 C 4/09 Haubenenten).  Im Falle von Sphynx- oder Nacktkatzen konnten züchterische Erkenntnisse erwarten lassen, dass die Nachzucht erblich bedingt keinerlei oder jedenfalls keine funktionsfähigen Tasthaare aufweisen werde. In den Entscheidungsgründen des VG Berlin zum Urteil wird die züchterische Erkenntnis so formuliert:

„Der unbestimmte Rechtsbegriff der „züchterischen Erkenntnisse“ ist trotz des wertenden Charakters gerichtlich voll überprüfbar. Sie liegen nach Auffassung der Kammer vor, wenn aufgrund allgemein zugänglicher Quellen (insbesondere Stellungnahmen von Zuchtverbänden, Fachzeitschriften, Fachbüchern und tierärztlichen Gutachten) bestimmte Erfahrungen mit der Zucht bestimmter Tierrassen bestehen, die sich wegen ihrer Übereinstimmung zu züchterischen Erkenntnissen verdichten. Dabei reicht es aus, dass sich in entsprechenden Fachkreisen eine überwiegende Auffassung zu einer bestimmten Zucht herausbildet. Vereinzelte, entgegenstehende Meinungen und Auffassungen bestimmter Züchter, Vereine oder Gutachter stehen züchterischen Erkenntnissen nicht entgegen, soweit sich aus ihnen nicht gewichtige Aspekte aufgrund neuerer Forschungen ergeben. Für die Qualifizierung einer tierschutzrechtlichen Qualzucht kommt es lediglich auf entsprechende Erfahrungen und Erkenntnisse, nicht aber auf nachgewiesene Tatsachen an. Dabei reiche es aus, dass sich in entsprechenden Fachkreisen eine überwiegende Auffassung zu einer bestimmten Zucht herausbilde. Vereinzelte, entgegenstehende Meinungen und Auffassungen bestimmter Züchter, Vereine oder Gutachter stehen züchterischen Erkenntnissen nicht entgegen, soweit sich aus ihnen nicht gewichtige Aspekte aufgrund neuerer Forschungen ergeben. Für die Qualifizierung einer tierschutzrechtlichen Qualzucht kommt es lediglich auf entsprechende Erfahrungen und Erkenntnisse, nicht aber auf nachgewiesene Tatsachen an“.

Tatbestand und Entscheidungsgründe des Gerichts können nachgelesen werden bei „Service des Landesarbeitsgerichts Berlin-Brandenburg in Kooperation mit juris“: http://www.gerichtsentscheidungen.berlinbrandenburg.de/jportal/?quelle=jlink&docid= JURE150015722&psml=sammlung.psml&max=true&bs=10

Eine Reihe von deutschen Katzenzuchtverbänden haben Empfehlungen ausgesprochen hinsichtlich des Verzichts von Zucht mit Katzen ohne Tasthaare. Die Fédération internationale Féline (FIFe) listet in ihren Zucht- und Registrierungsregeln vom 01.01.2017 unter Punkt 3.6 „Nicht zur Zucht zugelassene Katzen“, auch Katzen ohne Schnurrhaare auf (http://www.dekzv.de/images/FIFE-Regeln/Zucht-%20und%20Reg%20Regeln %20FIFe%20010117.pdf). Der Deutsche Edelkatzenzuchtverband ist in Deutschland einziges Mitglied der FIFe und gibt in seinen Zuchtrichtlinien an, dass mit Katzen ohne sichtbare Tasthaare nicht gezüchtet werden darf (Punkt 3h der Zuchtrichtlinien. http://www.dekzv.de/zuchtrichtlinien-dekzv.html ). Die Forderung ist hier allerdings ‚sichtbar‘ und nicht nach ‚funktionsfähig. Für letzteres müssen die Vibrissen lang und ungekräuselt sein und nicht zum Abbrechen neigen. Trotzdem zeigt ein Blick in die Züchterportale und auf die Verkaufsanzeigen, dass dies nicht unbedingt beachtet wird. Auch sind nicht alle Rassezuchtverbände an die FIFe oder den DEKZ angeschlossen. Zum anderen wird der Markt auch mit stammbaumlosen Tieren bedient, also von ‚Züchtern‘ die mit ihrer Hobbyzucht keinen Zuchtregeln unterworfen sind.

Zum Welttierschutztag am 4. Oktober betonte die Bundestierärztekammer (BTK), dass die Entscheidung des Berliner Verwaltungsgerichtes, die Zucht von Nacktkatzen als Qualzucht anzusehen Signalwirkung habe, aber stellt auch fest, dass bei Qualzucht-Tieren die Nachfrage das Angebot bestimmt und deshalb Verbote leider wenig helfen solange solche Tiere gekauft werden (Bundestierärztekammer: http://www.wir-sind-tierarzt.de/2015/10/btk-keine-qualzuchttiere-kaufen/). Der Weg zu einer qualfreien Haustierzucht muss sicherlich auch über die potentiellen Käufer gehen. Nicht nur die Züchter sondern auch die zukünftigen Halter müssen aufgeklärt werden und die Informationen müssen allen zugänglich gemacht werden. Der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes Thomas Schröder aber fordert eine Verschärfung und Konkretisierung des § 11 b. Im Nacktkatzenurteil sieht er „nur eine richtige Einzelfallentscheidung“ und „ein erfreuliches Signal für den Tierschutz“. Doch Veterinärämter und Gerichte bräuchten dringend eine verbindliche Definition von Qualzuchtmerkmalen (Pressemeldung Deutscher Tierschutzbund: https://www.tierschutzbund.de/news-storage/heimtiere/240915-verbot-nacktkatzenzucht.html).

Mit oder ohne Schnurrhaare, Nacktkatzen würden nicht diesen Namen tragen, wenn sie ein intaktes Haarkleid hätten. Das Gutachten spricht jedoch nur für solche Tiere ein Zuchtverbot aus, denen die Schnurrhaare fehlen. Die Haut aber ist ein Organ und nur mit den arttypischen Drüsen, Rezeptoren und Haaren wirklich voll funktionsfähig. Haarlose Katzen haben  mit diversen Hautproblemen zu kämpfen und brauchen ständige Pflege –baden, eincremen, Schutz vor Sonne, Schutz vor Kälte. Ihnen fehlen ebenfalls die Tasthaare an den Extremitäten, die für die Bewegung und Stellreflexe wichtige Informationen liefern. Ebenfalls fehlen die Vibrissen an den Augen, die den Schutzreflex zum Lidschluss auslösen.

Hauskatze. Lange Beine, langer Schwanz, Fell & Schnurrhaare. Perfekt.

 

Literatur

BMEL (1999): Gutachten zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes (Verbot von Qualzüchtungen). http://www.bmel.de/cae/servlet/contentblob/631716/publicationFile/35840/Qualzucht.pdf.

Driscoll, C.A., Menotti-Raymond,M., Roca, A.L., Hupe, K., Johnson, W.E., Geffen, E., Harley, E., Delibes, M., Pontier, D., Kitchener, A.C., Yamaguchi, N., O’Brien, S.J., Macdonald, D. (2007):

The Near Eastern Origin of Cat Domestication. http://www.sciencexpress.org / 28 June 2007 / Page 4 / 10.1126/science.1139518.

Ketring, K.L. : What do Animals really see?, DVM DACVO. All Animal Eye Clinic. Whitehall, MI 49461; http://c.ymcdn.com/sites/www.michvma.org/resource/resmgr/mvc_proceedings_2014/ketring_03.pdf).

Rauschecker, J.P. (1995): Compensatory plasticity and sensory substitution in the cerebral cortex. Trends Neurosci.;18(1):36-43.

TierSchG (2006): Tierschutzgesetz in der Fassung der Bekanntmachung vom 18. Mai 2006 (BGBl. I S. 1206, 1313), das zuletzt durch Artikel 141 des Gesetzes vom 29. März 2017 (BGBl. I S. 626) geändert worden ist. https://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/tierschg/gesamt.pdf.

Wegener, W. 1994:  Defektzucht bei Katzen – Ein aktuelles, prinzipiell wichtiges Urteil. Katzen Magazin 14, (3) 64-65, RORO-Press Verlag AG, Zürich.

Text: Nietsch/06.17

 

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