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Qualzucht bei Hunden

Haushunde, Stammform Wolf (Canis lupus)

Der Mensch hat durch gezielte Zucht hunderte verschiedener Hunderassen gezüchtet. Über 390 verschiedene Rassen sind vom größten kynologischen Weltdachverband, der FCI (The Fédération Cynologique Internationale) bislang anerkannt.

Der Zuchtstandard vieler Rassen konnte sich zu Ungunsten der Hunde ändern, als sie vom ‚Gebrauchshund‘ zu Mode- und Statussymbolen wurden. Merkmale, die eine Rasse auszeichneten und ihre Funktionalität und auch Fitness sicherstellten, konnten nun ins Extrem gezüchtet oder für ein neues Schönheitsideal verändert werden. Ein Beispiel dafür ist der britische Bulldog, der nach Verbot der Hundekämpfe auf den britischen Inseln zum Begleithund wurde und bereits 1865 einen Rassestandard erhielt und nun kommerziell gezüchtet wurde (s.u.). Dies kann als Beginn der modernen Hundezucht gesehen werden (Quelle: www.bulldog.info).

Der Rassestandard, den Zuchtverbände seitdem für die von ihnen betreuten Rassen aufstellen ist Modetrends unterworfen und daher veränderlich. So kommt es, dass ein Hund auf einem alten Gemälde oder Foto zwar definitiv ein Vertreter der heutigen Rasse ist, aber sich deutlich vom heutigen Idealbild seiner Rasse unterscheidet. Ein Beispiel ist der Mops, der in der Illustration von 1927 in Brehms Tierleben noch einen langen Kopf mit deutlicher Schnauze besitzt (Brehm 1927).

Möpse in Brehms Tierleben, 1927 (G. Mützel)

Heute gehört der Mops auf Grund der angezüchteten extremen rund-/kurzköpfigkeit (Brachyzephalie) zu den bekanntesten Rassen mit Qualzucht. Zu den brachyzephalen Rassen zählt unter anderem auch die englische und die französische Bulldogge, der Boxer und der King Charles Spaniel. Bei all diesen Rassen ist der Trend nach noch kürzeren Schnauzen und noch runderen Köpfen verbunden mit einer langen Reihe von Merkmalen, die zu Einschränkungen der Lebensqualität des betroffenen Tieres und zu Qualen führen.

Mops heute

Auch bei vielen anderen Hunderassen treten Körpermerkmale im Rassestandard auf, die als Merkmal an sich oder in Überzüchtung zu permanentem Einschränkungen und Leid führen müssen. Die Rassestandards werden von den Zuchtverbänden festgelegt. Im Jahr 2008 wurde auf BBC One der Dokumentarfilm ‚Pedigree dogs exposed‘  zur Qualzucht bei Hunden und zur Rolle des britischen kynologischen Dachverbands The Kennel Club (KC) dabei ausgestrahlt. Der Film  ist auf Youtube zu sehen: https://www.youtube.com/watch?v=SqtgIVOJOGc (Eine deutsche Version davon kann auf https:www.myspace.com angesehen werden). Eine Sendung zum Thema mit dem Titel ‚Das Geschäft mit der Hundezucht – Viel Rasse, Wenig Klasse‘ wurde 2011 im WDR gesendet (hier ist die Aufzeichnung). Der britische Kennel Club tat sich schwer mit der in der Dokumentation ausgesprochenen Kritik, kündigte aber eine Überprüfung der Standards aller durch ihn betreuten Rassen im Hinblick auf gesundheitliche Fragen an und veränderte den Standard zum Beispiel für die Englische Bulldogge. Dieser Standard wurde 2010 von der Fédération Cynologique Internationale (FCI), dem größten internationalen kynologischen Dachverband übernommen (FCI – Standard Nr. 149 http://www.fci.be/nomenclature/Standards/149g02-de.pdf ). Wie unten gezeigt, wird mit dieser Rasse trotzdem weiterhin Qualzucht betrieben. Bei anderen Rassen wurde noch keine Veränderung des Rassestandards vorgenommen.

Das Gutachten zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes (Verbot von Qualzüchtungen) (BMEL 1999) listet weit über 10 Merkmale auf, die bei mehr als 30 Hunderassen zu finden sind und deren Zucht mit diesen Merkmalen ein Zuchtverbot bei Verstoß nach § 11b des Tierschutzgesetzes bedeuten muss.

Die Beschreibung einiger Merkmale, des Vorkommens und der damit verbundenen und tierschutzrelevanten Symptome sind dem Gutachten entnommen und unten verkürzt und auch verändert wiedergegeben (Literatur dort zitiert). Die Vollständige Liste ist im Gutachten zu finden.

Liste einiger Qualzuchtmerkmale bei Hunderrassen

Merkmal 1: Blue-dog-Syndrom (Blauer-Dobermann-Syndrom, CDA)

Es handelt sich um eine blaugraue Farbaufhellung mit Disposition zu Alopezie (partieller Haarausfall) und Hautentzündung. Die Krankheit gehört in die Gruppe der Pigmentmangel-Syndrome.

Vorkommen: Sporadisch und familiär gehäuft besonders beim Dobermann aber auch in anderen Rassen wie Dogge, Greyhound, Irish Setter, Pudel, Dackel und Yorkshire Terrier. Das Merkmal ist komplex in den Symptomen. Durch eine gestörte Verhornung des Haarfollikel-Epithels kommt es zu Haarausfall (Tiere sehen wie „mottenzerfressen“ aus) und diversen Entzündungserscheinungen. Weiterhin kann es zu Veränderungen im Lymphsystem, zu Ödemen sowie Fehlbildungen der Nebennieren mit Immunkomplexstörung.

Zuchtverbot für Tiere mit blaugrauer Farbaufhellung.

Merkmal 2: Brachy- und Anurien sowie Verkrüppelung der Schwanzwirbelsäule

Unterschiedlich ausgeprägte Verkürzungen der Schwanzwirbelsäule bis zur Stummelschwänzigkeit, mit oder ohne Verkrüppelung des Schwanzes (Korkenzieherschwanz, Knickschwanz).

Knick- und Korkenzieherschwanz treten sporadisch oder familiär gehäuft bei Franz.-Bulldogge, Engl.-Bulldog, Mops, Dackel u. a. auf, Stummelschwänze bei Bobtail, Cocker Spaniel, Entlebucher Sennenhund, Rottweiler u. a.. Knick- und Korkenzieherschwänze, aber auch Verkürzungen der Schwanzwirbelsäule – insbesondere Anurie – sind häufig vergesellschaftet mit Missbildungen an weiteren Abschnitten der Wirbelsäule (Block-, Schmetterlings- und Keilwirbelbildungen) bis hin zu Spina bifida . Die Folge können Rückenmarksbeeinträchtigungen mit Störungen der Lokomotion der Hintergliedmaßen bis zu Paralysen sowie Harn- und Kot-Inkontinenz sein.

Empfehlung: Zuchtverbot für Tiere, die neben Knick- und Korkenzieherschwanz bzw. Brachy- oder Anurie auch Wirbeldefekte an weiteren Abschnitten der Wirbelsäule aufweisen, weil bei den Nachkommen mit Schmerzen und Leiden gerechnet werden muss. Verzicht auf Korkenzieherrute im Rassestandard.

Merkmal 3: Chondrodysplasie

Basset

Zwergwuchs mit Verkürzung der langen Röhrenknochen (oft auch der Gesichtsknochen) durch Störung der Knochenbildung mit vorzeitigem Wachstumsstillstand in den Epiphysenfugen, für den möglicherweise eine hormonelle Fehlsteuerung ursächlich ist, die sich auf den Ca- und P-Stoffwechsel auswirkt.

Vorkommen: Vor allem kleinwüchsige Rassen: Basset Hound, Franz.-Bulldogge, Pekinese, Scottish Terrier, Sealyham Terrier, Dackel, Welsh Corgis u. a.. Chondrodysplastische Rassen (insbesondere Dackel) zeigen eine starke Disposition zu frühzeitigen Fehlbildungen im Bereich der Bandscheiben, was zum Bandscheibenvorfall führen kann. Das kann zu Lähmungen und Schmerzempfindlichkeit führen, häufig verbunden mit Komplikationen der Darmfunktionen. Viele chondrodysplastische Rassen zeigen außerdem eine ausgeprägte Brachyzephalie mit den damit verbundenen Defekten (Brachyzephalie s.u.).

Tiere mit sehr langem und geradem Rücken und ausgeprägter Kurzbeinigkeit neigen besonders zum Bandscheibenschaden. Eine Zucht gegen diese Merkmalsausprägung ist daher anzustreben, um einer Übertypisierung entgegenzuwirken.

Merkmal 3: Dermoid / Dermoidzysten

Hauteinstülpungen am Rücken, nach außen geöffnet oder geschlossen, die bis in den Wirbelkanal hineinreichen können.

Vorkommen: Rhodesian Ridgeback. Die Dermoide und -zysten treten am Rücken vor und hinter dem „Ridge“ (Haarstrich mit gegenläufigem Wuchs) auf. Sie entwickeln sich embryonal aus einer unvollkommenen oder ausbleibenden Trennung von Haut und Rückenmark. Lähmungen der Hinterhand und Überempfindlichkeiten und Entzündungen im Zentralen Nervensystem treten auf.

Zuchtverbot für Tiere, die mit Dermoidzysten behaftet sind, weil bei den Nachkommen mit Schmerzen und Leiden gerechnet werden muss.

Merkmal 4: Haarlosigkeit (Nackt)

Chinesischer Nackthund

Haarlose Defektmutante.

Vorkommen: In Nackthundrassen unterschiedlicher Herkunft (Chinesischer Nackthund, Mexikanischer Nackthund etc.).  Nackthunde sind für das Nacktgen heterozygot. Für das Nacktgen homozygote Tiere sind nicht lebensfähig und sterben kurz vor oder nach der Geburt. Heterozygote zeigen regelmäßig schwerwiegende Gebissanomalien: Meist fehlen die Prämolaren, häufig auch Canini oder Incisivi. Weiterhin weisen sie eine gewisse Immundefizienz auf. Die Hunde haben eine sehr empfindliche Haut (Sonnenbrand, Verletzungen, Fliegenbefall im Sommer, Allergien) und zeigen klimatische Adaptationsstörungen.

Zuchtverbot für alle Defektgenträger.

Merkmal 5: Brachyzephalie / Brachygnathie

Breite, runde Ausformung des Schädels bis hin zum Rundkopf und Verkürzung der Kiefer- und Nasenknochen.

Vorkommen: Boxer, Englische Bulldogs, Chihuahua, Mops, Pekinese, Prince Charles Spaniel, Shi Tzu, Toy-Spaniel, Yorkshire Terrier u. a..

Toy-Spaniel
Quelle: www.petsadviser.com

Das Merkmal kann zu vielen Schäden führen. Unter vielen anderen: Schwergeburten (Kaiserschnitt nötig), verzwergte Rassen neigen zu Gehirntumoren und Hydrocephalus; Atembeschwerden, Störung der Thermoregulation (Tiere sind hitzschlaggefährdet), Schluckbeschwerden. Wenn die Augen hervortreten (z. B. Chihuahua, Mops) Verletzungsgefahr, Augäpfel fallen aus der Augenhöhle, ausgeprägter Vorbiss mit ungenügender Gebissfunktion.

Extreme Rundköpfigkeit, insbesondere disproportionierte Verkürzung der Gesichtsknochen muss aus der Zucht ausgeschlossen werden. Zuchtverbot für Tiere, die den vom Zuchtverband festzulegenden Grenzwert überschreiten.

[Anmerkung: die Liste der Merkmale bei Brachyzephalie ist hier verkürzt wiedergegeben]. Die Englische Bulldogge muss wohl neben dem Mops als die gequälteste Rasse unter den Hunden gelten. Ihre Rasse mit ihren Gesundheitsproblemen wird stellvertretend für andere brachyzephale Rassen im nächsten Kapitel besprochen. Viele der hier nun aufgeführten Qualmerkmale betreffen nicht nur die Englische Bulldogge (s.o. Gutachten).

 Der Bulldog (Englische Bulldogge)

Englische Bulldogge

Der Name Bulldog leitet sich ab aus der Aufgabe, für die dieser Arbeitshund bereits im Mittelalter eingesetzt wurde: dem Hüten und Treiben von Rinderherden. Seit dem frühen Mittelalter wurde der Bulldog auch bei Tierkämpfen auf den britischen Inseln eingesetzt. Mit dem Verbot von Tierkämpfen durch die  Cruelty to Animals Act 1835 wurde der Bulldog in Britannien gewissermaßen arbeitslos. Jetzt machte er Karriere als Begleithund und kann als die erste Hunderasse gelten, die zu diesem Zweck kommerziell gezüchtet wird. 1865 wurde der Rassestandard für ihn veröffentlicht. Die Zucht der Bulldogs wurde schnell zu einem äußerst lukrativem Geschäft. Für den Super Champion Rodney Stone wurden 1901 1.000 Pfund Sterling gezahlt, umgerechnet entspricht das einer heutigen Kaufkraft von mehr als 100000 Euro. In der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts, besonders seit etwa 1975, verschärfte sich schließlich das Problem der Übertypisierung, der Extremzuchten bis hin zu Qualzucht und die damit verbundenen existenziellen gesundheitlichen Probleme beim Bulldog (Die Informationen zur Geschichte der Rasse wurden der Webseite http//www.bulldoge.de entnommen).

Die Liste der Qualzuchtmerkmale bei den modernen Bulldogs ist lang.  Wie oben bereits aus dem Gutachten zitiert, führt die Zucht auf extreme Kurzköpfigkeit zu einem ganzen Komplex von Merkmalen, die als brachyzephales Syndrom bezeichnet werden. In diesem Merkmalskomplex sind folgende Organe und Organstrukturen am Hundekopf betroffen (s. Oechtering 2010):

Naseneingang: Verengung der Nasenlöcher (Nares) und des Nasenvorhofs, verursacht durch den „inneren“ Teil des Nasenflügels

Nasenhöhle: Verschließung der Nasengänge durch hypertrophische und dysplastische Konchen (Nasenmuscheln) und durch rostral aberrant wachsende Konchen (& RAC)

Nasenausgang: Verschließung durch kaudal aberrant wachsende Konchen (CAC)

Nasenrachen: Überlänge und massive Dickenzunahme des weichen Gaumens und erhöhte Kollapsibilität des Nasenrachens

Kehlkopf: Kollaps infolge Laryngomalazie (mangelnde Festigkeit des Kehlkopfes, z.B. Mops)

Zu den Verengungen der anatomischen Strukturen, die für die Atmung benötigt werden kommen weitere Umbildungen im Weichteilgewebe, die den Innenraum zusätzlich einschränken. Übermäßiges Wachstum des Mandelgewebes und der Zunge können als zusätzliches Gewebevolumen in den Nasenrachen hineindrängen. Die ständige Atemnot führt zu Sauerstoffmangel und Verlust der Kondition. Das nötige, verstärkte‘ Einsaugen der Atemluft führt zu weiteren Problemen. Die Schleimhäute verdicken sich durch die ständige Reizung und blockieren noch zusätzlich den Weg der Atemluft. Der Unterdruck im Brustkorb führt zu Problemen mit Speiseröhre und Magen und äußert sich in vermehrtem Erbrechen und Würgen. Wenn zu diesen Merkmalen noch eine übermäßige Faltenbildung am Kopf und im Gesicht hinzu kommt, kann die starke Hautfaltung an und über der Nase zusätzlich die Atemwege verstellen. Die tiefen Hautfalten sind darüber hinaus auch Infektions- und Entzündungsanfällig. Erstaunlicherweise finden viele Halter von so betroffenen Bulldoggen die Atemgeräusche, das Schnarchen und Keuchen charmant und lustig. Diese Geräusche zusammen mit dem Runden Kopf, dem flachen Gesicht und dem fast immer geöffnetem Maul mit in die Breite gezogenen Lefzen (stark hechelnd) lassen den Hund in ihren Augen freundlich, lachend, menschlich erscheinen.

English Bulldog. Lachend? Nein, hechelnd.

Zu der erschwerten Sauerstoffversorgung kommt die Erschwerung der Thermoregulation durch die Verkleinerung der Nasenhöhle mit ihren Schleimhäuten. Bei körperlicher Anstrengung, Aufregung oder auch bei warmen Außentemperaturen kann die entstehende Körperwärme nicht in ausreichendem Maße durch Verdunstungskälte an den Schleimhäuten abgeführt werden. Dies bewirkt einen Anstieg der inneren Körpertemperatur und kann zu Kollaps und Tod durch Überhitzung führen.

Mit der Brachyzephalie gehen Deformationen am Kiefer und Zahnapparat einher, die eine artgemäße Funktion der Nahrungsaufnahme, der Körperpflege oder der Versorgung der Welpen (Abnabeln) stark beeinträchtigt. Brachygnathia superior ist die skeletale Verkürzung des Oberkiefers. Die Zähne können für den Kiefer zu groß sein und es kommt zu Fehlstellungen mit Zahnlockerungen und Entzündungen. Der Unterkiefer steht weit vor dem Oberkiefer (‚Vorbiss‘), so dass die unteren Zähne und Schleimhäute auch bei geschlossenem Maul nicht bedeckt sind. Hier kommt es auch zu Zahnfehlstellungen beispielsweise der Canini (Fangzähne).

Oechtering (2013) führt folgende Zahlen aus einer Umfrage von Haltern extrem brachyzephaler Hunde an:

56 % der Hundebesitzer gaben an, dass ihr Hund Atemprobleme beim Schlafen hat

24 % der Hunde versuchen im Sitzen zu schlafen, weil sie sonst keine Luft bekommen

11 % haben Erstickungsanfälle im Schlaf

77 % haben Probleme beim Fressen

46 % erbrechen oder regurgitieren mehr als einmal am Tag

36 % sind schon einmal vor Atemnot umgefallen, die Hälfte davon hat das Bewusstsein verloren

Die qualzuchtbedingte Schädigung des gesamten Atemapparates und die Schädigung der Fähigkeit zur effektiven Thermoregulation sind nicht die einzigen Probleme der qualgezüchteten Bulldogs. Sie leiden durch züchterische Übertreibungen auch unter der Deformation des gesamten Gebäudes und des Bewegungsapparates. Bulldogs werden mit extrem breiten Brustkörben und kurzen, weitgestellten Vorderläufen gewünscht. Die hinteren Extremitäten können steil gestellt und deutlich länger sein als die vorderen, der Rücken ist nicht gerade, sondern senkt sich kurz hinter den Schultern ein, dafür ist die Kruppe hoch und ein extremer , Roach Back‘ (Karpfenrücken) kann ausgebildet sein. Deformation der Hüftgelenke und Probleme mit anderen Gelenken können Folgeerscheinungen sein.

English Bulldog

Eng verdrehte Korkenzieherschwänze kommen bei englischen Bulldoggen (auch bei Französischen Bulldoggen) vor. Sie gehen einher mit Missbildungen an weiteren Abschnitten der Wirbelsäule (Block-, Schmetterlings- und Keilwirbelbildungen) und können zu Rückenmarksbeeinträchtigungen mit Störungen der Lokomotion der Hintergliedmaßen bis zu Paralysen sowie Harn- und Kot-Inkontinenz führen (s.o. Gutachten). Hunde mit eng verdrehten Schwänzen können an Entzündungen in den Hautfalten leiden.

Englische Bulldoggen im Extremtyp sind für eine normale Fortpflanzung nicht mehr geeignet. Das hohe Gewicht bei eher geringer Körpergröße und die Körperproportionen erschweren den Deckakt  für Rüden. Menschliche Hilfestellung dabei, aber auch Absamung und künstliche Befruchtung der Hündin sind hier notwendig.

Ebenfalls erschwert ist die Geburt bei brachyzephalen Rassen, aber besonders bei English Bulldogs. Welpen aus Linien mit extrem großen Köpfen und breitem Brustkorb können nicht mehr normal vom Muttertier zur Welt gebracht werden. Sie würden mit den Köpfen im Geburtskanal steckenbleiben und müssen daher mit Kaiserschnitt geholt werden. Eine Studie von 2010 gibt an, dass über 80 % der Würfe per Kaiserschnitt geboren werden müssen (Evans & Adams 2010). Zuchthündinnen werden den lebensbedrohlichen Gefahren einer natürlichen Geburt oder dieser Operation mit den nachfolgenden Problemen in der Versorgung der Welpen mehrmals in ihrem Leben ausgesetzt.

Wenn auch nicht jede Englische Bulldogge im gleichen Ausmaß an den Symptomen leiden muss, die ihrer Rasse die zuchtbedingten Schäden am Körper beschert, ist ihnen im Durchschnitt kein langes (und schon gar kein gesundes) Leben gegeben. Eine englische Untersuchung zur Todesursache von 180 Hunden kommt auf eine durchschnittliche Lebenserwartung von 6 Jahren und 3 Monaten (Report from the Kennel Club/ British Small Animal Veterinary Association Scientific Committee, http://www.thekennelclub.org.uk/media/16342/british%20bulldog.pdf).

 

Kann man das Rad zurückdrehen und die Rassen von den Qualmerkmalen befreien?

Der frühe Typ der Englischen Bulldogge hätte nicht zur Arbeit und zu Kämpfen eingesetzt werden können, wären diese Hunde nicht fit gewesen. Sie sahen anders aus als heute. Kann man dahin zurück? Es wäre ein langer Weg, an dem Züchter und Zuchtverbände und Hundekäufer mitwirken müssen. Denn es müsste der Rassestandard überall auf der Welt verbindlich verändert werden und es müsste dafür gesorgt werden, dass wirklich nur gesunde Hunde auf den Hundeschauen der Verbände vorgestellt, prämiert und für die Zucht zugelassen werden können. Hundezucht ist allerdings ein Riesengeschäft. Ein Zuchtverbot für ein auf der letzten Schau prämiertes Tier wäre eine finanzielle Einbuße für den Züchter. Ein Englischer Bulldogwelpe von prämierten Eltern kann, krank gezüchtet wie er ist, beim Züchter weit über 1500 Euro kosten. Auch die Dienste ihres Deckrüden lassen Züchter sich mit mehreren hundert Euro vergüten. Die Probleme einer Wegzüchtung der Qualzucht liegen beim Bulldog leider auch in der Genetik selbst begründet. Eine Studie an Englischen Bulldogs kam zu dem Ergebnis, dass in dieser Rasse eine extrem kleine genetische Diversität vorliegt (Pedersen et. al. 2016). Eine kleine Gründerpopulation und ein künstlich verursachter ‚Bottleneck‘ können die Ursachen sein. Zwar bestehen noch einige phänotypische und genotypische Diversitäten in der Rasse, aber es muss bezweifelt werden, ob mit diesem genetischen Material auf Gesundheitsverbesserung und Ausmerzung von Qualzuchtmerkmalen rückgezüchtet werden kann, OHNE die genetische Diversität noch weiter zu verkleinern (Pedersen et al. 2016).

Für Englische Bulldoggen, aber auch für alle anderen Rassen mit erblich bedingten Qualzuchtmerkmalen gilt, dass jede Zucht, die das Ziel hat, ein (nunmehr) unerwünschtes Merkmal auszumerzen, unter Umständen über mehrere Generationen hinweg brauchen wird, bis die betreffenden Gene völlig aus dem Genpool verschwunden sind. Eine große Zahl von Individuen würde großgezogen werden, die noch ebenso leiden müssen wie die Vorgängergenerationen.

Auch das Einkreuzen einer anderen, gesunden Rasse könnte eine Lösung sein. Dann wäre der Bulldog aber kein Bulldog mehr, sondern ‚nur‘ noch ein Mischling und dagegen wehren sich viele Züchter und die Zuchtverbände. Seit mehreren Jahrzehnten wird die Olde Englisch Bulldogge im Typus der Bulldogge Anfang des 19.Jahrunderts gezüchtet. Diese Rasse wurde in Amerika aus Kreuzung von English Bulldog mit Bullmastiff, American Bulldog und American Pit Bull Terrier geschaffen. Als Rasse wird sie von den großen Verbänden aber nicht anerkannt.  Halter und Züchter dieser Rasse haben zudem das Problem, dass sie sich immer wieder gegen die Einordnung der Rasse als ‚Listenhund‘ wehren müssen.

 

 

Literatur

BMEL (1999): Gutachten zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes (Verbot von Qualzüchtungen). http://www.bmel.de/cae/servlet/contentblob/631716/publicationFile/35840/Qualzucht.pdf.

Brehm, A. (1927): Brehms Tierleben, Small Edition.

Oechtering, G. (2010): Das Brachyzephalensyndrom – Neue Informationen zu einer alten ErbkrankheitVol 20 No 2 / / Veterinary Focus.

Oechtering, G. (2013): Wenn Menschen Tiere verformen- Ein Ruf nach mehr Qualitätskontrolle in der Hundezucht. Deutsches Tierärzteblatt 1/ S. 18-23).

http://www.thekennelclub.org.uk/media/16342/british%20bulldog.pdf

Evans, K. & Adams, V. (2010): Proportion of litters of purebred dogs born by caesarean section.The Journal of small animal practice, 51(2): 113–118.doi:10.1111/j.1748-5827.2009.00902.x.PMID20136998)

Kennel Club/ British Small Animal Veterinary Association Scientific Committee (2004):  2004 Purebred Dog Health Survey. Report from the Kennel Club/British Small Animal Veterinary Association.

Pedersen, N.C., Poosch, A.S. & Hongwei Liu (2016):  A genetic assessment of the English bulldog. Canine Genetics and Epidemiology 3:6.

Text: Nietsch/06.17

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