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Anthropozentrischer Humanismus

Anthropozentrischer Humanismus ist das im abendländischen Denken am weitesten verbreitete Konzept des Umgehens mit dem Tier.

I. A. H. versteht die Welt als auf den Menschen hingeordnet. Nach Protagoras ist der Mensch das Maß aller Dinge, er ist das Zentrum und Ziel der Schöpfung, alles dient seinen Zwecken, alles ist nur Mittel für

Hintergrund dieses heute noch vorherrschenden Welt- und Menschenbildes ist eine den historischen Humanismus und Neuhumanis- mus mißverstehende und den Menschen falsch einschätzende Sicht- weise. Diese Position hat aber eine lange Tradition und wird von Robert S. Brumbaugh (1979, S. 8) schon in bezug auf die griechische Philosophie als „teleologischer Anthropozentrismus” und von David Ehrenfeld (1978) ganz allgemein als „Arroganz des Humanismus” bezeichnet. Das tierschützerische Element des A. H. besteht darin, daß der so weit aus der ihn umgebenden Natur herausgehobene Mensch nicht notwendigerweise zum Ausbeuter oder gar Vernichter seiner Mitgeschöpfe werden muß, sondern auch frei ist, Tiere zu lieben und sich für sie einzusetzen. Und wenn sich die Mehrheit der Bürger auf eine bestimmte Art des Tierschutzes einigt, soll dies im demokratischen Staat auch entsprechend geregelt werden. Aber es liegt im Belieben dieser Mehrheit, wel- chen Tieren sie welche Wohltaten erweist oder vorenthält. Es ist ein absolutistisches Verhältnis auf Gnade oder Ungnade, aber auch aus tiefreichender Unkenntnis.

II. Wie die Geschichte der -> Tierschutzethik lehrt, gab es nicht nur in der östlichen Tradition, sondern mit Pythagoras und den Neu-Pythago- reern auch im frühen abendländischen Denken schon eine alles Lebendige als Einheit umfassende und liebende Richtung, wie sie sich auf dem Hintergrund von – > Mitleid und — Barmherzigkeit zu artübergrei- fender -> Humanität entwickelt hat. Sie hat sich aber gegenüber den anthropozentrischen Richtungen, dem A. H. und dem —> Naturalismus nicht behaupten können. Urs Dierauer hat die griechischen Wurzeln des anthropozentrischen Denkens (1977, S. 5o ff., 155 ff., 236-244 und 253-283) in alle Richtungen verfolgt.

Der A. H. hat sich dann über Jahrhunderte hin weiter verfestigt. Die bloße Zugehörigkeit zur Spezies „Mensch” wird mit einem exklusiven Status verbunden (Christina Hoff 1980, 5.115) und beruht auf der Über- zeugung, daß die durch bestimmte Eigenschaften belegbare und keineswegs angezweifelte –> Sonderstellung und Überlegenheit des Menschen auch mit einer absoluten Vorrangstellung und Ausbeutungsermächtigung (–> Benutzungstheorie) gegenüber allen anderen Lebewesen verbunden sei.

Gegenüber dieser Selbstüberschätzung des Menschen hatte Skepsis keine Chance, vor allem nicht, seit man gelernt hatte, das Bild des Men- schen im Hinblick auf den idealen Menschen zu entwerfen. So konnte der A. H. mit Cicero (Ehre jeden Menschen, weil er ein Mensch ist) einen ersten Höhepunkt erreichen, dem ein zweiter, auf Psalm 8, 6 und die Gottebenbildlichkeit gegründeter, christlicher Humanismus folgte, der dann seit Pico della Mirandola(De dignitate hominis) untrennbar mit dem Begriff der —>Menschenwürdeverknüpft war.

Diese christliche Variante des A. H. hat sich bis in die Gegenwart er- halten (vgl. —> Sonderstellung III/IV) und ändert sich nur langsam, so et- wa bei Alfons Auer (1984, S. 54-63 und 203-222). Klaus M. Meyer-Abich meldet aber (1984, S. 65-68) Zweifel an einem wirklich „geläuterten An- thropozentrismus” an. Bisher hat sich der christliche Humanismus jedenfalls immer wieder gebrauchen lassen, um den sonst angezweifelten A. H. moralisch zu stützen, wie etwa von Basilius Streithofen (1985). Eine mehr biozentrische Position wird von Eugen Drewermann (1981, S. 67-110), Erich Gräßer (1978), Gerhard Liedke (1979, S. 49-57) und Friedo Ricken (1987) vertreten.

III. Noch immer rechtfertigt der A. H. grundsätzlich jede Verände- rung und Ausbeutung der Natur, wenn dies zur Vollendung des Menschseins oder auch nur im konkreten —> Interesse des Menschen er- folgt. Sie erlaubt es, Tiere unter den Bedingungen des Menschen zu züchten (—> Züchtung), zu nutzen und zu halten (–> Nutztierhaltung), sie für – Tierversuche zu verwenden oder zu töten, sofern nur ein — vernünftiger Grund vorliegt, der oft genug nur von den Interessen des Men- schen bestimmt wird. Daß dabei –>Verantwortungim Sinne der Verant- wortungsethik übernommen werden soll, ist die einzige Reaktion auf das tiefe Mißtrauen in die ausbeuterische Herrschaft des Menschen. Im übrigen wird die humanistische und religiöse Tradition unserer Gesell- schaft voll zur –> Rechtfertigung des derzeit praktizierten Umgehens mit den Tieren beansprucht, wie man im Codex experiendi der Deutschen Tierärzteschaft (-3 Ethische Kodizes IV) nachlesen kann. Jedenfalls kann man überall und von jedem die noch immer unangefochtene Formel hören: „Zuerst kommt der Mensch”. Solange dies uneingeschränkt so bleibt und nicht mindestens aufgezeigt wird, daß es Grenzen dieses Vorranges gibt, daß also nicht jedes Interesse des Menschen, wie etwa —> Luxus- und Freizeitvergnügenauf Kosten von Leben und Wohlbefinden der Mitgeschöpfe, —->Priorität beanspruchen kann, hat sich am unge- hemmten —> Artegoismus des A. H. nichts geändert.

—>Tierschutzethikhat sich in ständiger und meist harter Auseinandersetzung mit dem A. H. entwickeln müssen. Schon 1907 hat der Zoologe J. H. Mooreeine neue gegen den A. H. gerichtete Ethik (The New Ethics) gefordert und konzipiert.

IV. Die Kritik am A. H. muß sich darüber klar sein, daß der Mensch die Gegenstände seines Nachdenkens nicht als solche, sondern immer nur im Rahmen seiner spezifisch menschlichen Fähigkeiten betrachten und erkennen kann. Insofern ist alles Denken, auch in der Ethik des Umgehens mit dem Tier, zwar nicht notwendigerweise anthropozentrisch, wie gelegentlich gemeint wird, aber anthroponom. Auch der berühmte Satz von Protagoras war ursprünglich mehr in diesem Sinne gemeint.

Weitere Literatur: Chr. Hoff 1983, G. Wittke 198oa.

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