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Du-Evidenz

Du-Evidenz ist die Voraussetzung sozialer —>Mensch-Tier-Beziehungen. Der Begriff ist nach Klaus Militzer (1986, S. 10) zuerst im Jahre 1922 von Karl Bühler im zwischenmenschlichen Bereich eingeführt worden; ein entsprechender V ermerk findet sich bei Konrad Lorenz (1965 Bd. 2, S. 36o f .). Die Anwendung auf Mensch-Tier-Beziehungen erfolgte dann (1931) durch Theodor Geiger; vgl. hierzu auch Klaus Gärtner (1980), W. Gehrke und R. Wiezorrek (1982), G. M. Teutsch (1975, 5.18f., z4f. und 48-53).

D-E. bedeutet, daß einem Lebewesen ein zunächst beliebiges anderes Lebewesen durch intensive Begegnung zum individuellen, unverwech- selbaren und insofern auch unersetzlichen Partner wird. D-E. ist sowohl gegenseitig wie auch einseitig möglich und setzt keine rational verarbeitete Wahrnehmung des anderen voraus, sondern beruht auf Er- leben und Emotion, also Möglichkeiten und Fähigkeiten, die schon beim Kleinkind und beim Säugetier (—> Kinder und Tiere) gegeben sind. Auf der gleichen Basis der Emotionalität beruht das der D-E. notwen- digerweise komplementäre Ich-Bewußtsein, das aus dem Erleben und Erfahren eines „Du” notwendigerweise entsteht. So stellt sich in diesem Zusammenhang auch die Frage nach dem Bewußtsein der Tiere; vgl. hierzu insbesondere Donald R. Griffin (1984) und H. Hediger (1980, S. 38-84).

I. Die Art und Weise, wie ein zunächst nur als anonymes Exemplar einer bestimmten Spezies bemerktes Lebewesen aus der Anonymität seines Artkollektivs heraustritt und für ein anderes Lebewesen der gleichen oder einer anderen Art zum einmaligen und unverwechselbaren, also persönlich gekannten „Du” wird, ist vielfältig. Sie kann in bestimmten Fällen in einem einzigen Augenblick durch einen optischen oder akustischen Eindruck erfolgen, den Konrad Lorenz (1965, 5.139-148) als Prägung bezeichnet. Sie kann aber auch in einem langsa- men Annäherungsprozeß entstehen oder mit einem für einen oder bei- de Teile schicksalhaften Erlebnis eingeleitet werden. Bei allen langsamen Prozessen ist meistens —> Empathieim Spiel, zu der auch Tiere befä- higt sind. Ein Sonderfall ist offenbar die Bindung eines Hundes an seine oft selbstgewählte Bezugsperson. Lorenzschreibt darüber (1964, S.130): „Einer der wunderbarsten und rätselhaftesten Vorgänge ist die Herren- wahl eines guten Hundes. Plötzlich, oft innerhalb weniger Tage, entsteht eine Bindung, die um ein Vielfaches fester ist als alle, aber auch alle Bindungen, die zwischen uns Menschen je bestehen. Es gibt keine Treue, die nicht schon gebrochen wäre, ausgenommen die eines wirk- lich treuen Hundes.” Vgl. hierzu auch –> Tierliebe II.

II. Die Ich-Du-Beziehung zwischen Mensch und Tier wird gelegent- lich auch von der Philosophie aufgegriffen. Jedenfalls hat Martin Buber (1977, S. 146) im Nachwort von 1957 zu seinem Buch „Ich und Du” intuitiv eine wichtige Spur gefunden: „Wenn wir . . . nicht bloß zu anderen Menschen, sondern auch zu Wesen und Dingen, die uns in der Natur entgegentreten, im Ich-Du-Verhältnis stehen können, was ist es, das den eigentlichen Unterschied zwischen jenen und diesen ausmacht? Oder, noch genauer: wenn das Ich-Du-Verhältnis eine beide, das Ich und das Du, faktisch umfangende Wechselseitigkeit bedingt, wie darf die Beziehung zu Naturhaftem als ein solches Verhältnis verstanden werden? . . . Offenbar gibt es auf diese Frage keine einheitliche Antwort; wir müssen hier, statt die Natur gewohnterweise als ein Ganzes zu fas- sen, ihre verschiedenen Bezirke gesondert betrachten. Der Mensch hat einst Tiere ,gezähmt’, und er ist jetzt noch fähig, diese eigentümliche Wirkung auszuüben. Er zieht Tiere in seine Atmosphäre und bewegt sie dazu, ihn, den Fremden, auf eine elementare Weise anzunehmen und ,auf ihn einzugehen’. Er verlangt von ihnen eine, oft erstaunliche, aktive Erwiderung auf seine Annäherung, auf seine Anrede, und zwar im allgemeinen eine um so stärkere und direktere Erwiderung, je mehr sein Verhältnis ein echtes Du-Sagen ist. Tiere wissen ja nicht selten, wie Kinder, eine geheuchelte Zärtlichkeit zu durchschauen. Aber auch außerhalb des Zähmungsbezirks findet zuweilen ein ähnlicher Kontakt zwischen Menschen und Tieren statt: es handelt sich da um Menschen, die eine potentielle Partnerschaft zum Tier im Grunde ihres Wesens tragen — vorwiegend übrigens nicht etwa ‚animalische’, sondern eher na- turhaft geistige Personen.” Vgl. hierzu auch —> Heilige und Tiere.

Literatur: Im Text erwähnt.

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