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Heilige und Tiere

Heilige und Tiere ist nicht nur der Titel eines wichtigen Buches von Joseph Bernhart (1959), sondern auch ein Thema, unter dem ein Teilaspekt der —> Mensch-Tier-Beziehung und der —> Tierliebe begriffen wird.

Heilige gibt es in allen Religionen, und erstaunlicherweise ist die Lie- be zum Tier eine ihrer hervorstechenden gemeinsamen Eigenschaften. Gertrude und Thomas Sartory haben das (1979) überzeugend belegt. Zum Wesen der Heiligkeit gehört ein „barmherziges Herz”, das „in —> Nächstenliebe zu allen Kreaturen entbrenne — Mensch wie Tier” (S. 8) oder mit anderen Worten: „Ein Heiliger ohne Güte, ohne –> Mitgefühl für alle Lebewesen, Mensch wie Tier, wäre ein ,sonderbarer Heiliger’ — ein Monstrum, wie es der Himmel sich nicht bieten lassen kann” (S. 9).

„Die Heiligen” — so G. und Th. Sartory (S. 22) — „fragten weniger danach, wie die Dinge nun einmal tatsächlich sind, als danach, wie sie hätten sein sollen und wie sie wieder sein werden . . . Und das gilt eben nicht nur vom Menschen, es gilt von aller Kreatur. Paulus sagt darum im Römerbrief (8. Kapitel), daß die gesamte Schöpfung seufze und in Wehen liege und auf etwas warte, das sie aus den Fesseln ihrer Nichtigkeit befreien werde. Der Apostel nennt dieses erwartete Ereignis das ,Offenbarwerden der Söhne Gottes’ (und der Heilige ist ja so etwas wie eine Vor-Offenbarung). In diesem Horizont von Erwartung, Sehnsucht, Hoffnung lebten die Wüstenväter und glaubten felsenfest, der gesamten Kreatur stehe eine Niveauveränderung bevor — dann, wenn der Mensch auch seiner sichtbaren Erscheinung nach wieder ganz der sein werde, der er sein soll. Sie sahen es buchstäblich schon vor sich, mit den Augen ihres Geistes — und manchmal, in ersten Vorboten, auch schon mit den Augen ihres Leibes —, wie die Friedensordnung des Paradieses zur Weltenwirklichkeit wird. Ganz so, wie eben Jesaja die messianische Welt beschrieben hat! Dann wohnt der Wolf bei dem Lamm und lagert der Panther bei dem Böcklein, Kalb und Löwenjunges weiden gemeinsam, ein kleiner Knabe kann sie hüten. Die Kuh wird sich der Bärin zugesellen und ihre Jungen liegen beieinander; der Löwe nährt sich wie das Rind von Stroh. Der Säugling spielt am Schlupfloch der Otter, und in die Höhle der Natter steckt das entwöhnte Kind seine Hand. Sie schaden nicht und richten kein Verderben an auf meinem ganzen heiligen Berg. Denn das Land ist voll von der Erkenntnis des Herrn, wie die Wasser den Meeresgrund bedecken (Jes 11, 6-9).”

Das Leben der Heiligen ist wie ein Stück vorweggenommener Verheißung. Hier „wird ahnbar und in bestimmten Augenblicken sogar sichtbar, wie der Mensch eigentlich gemeint ist — und von welcher Art seine Beziehung zum Tier nach dem Willen des Schöpfers hätte sein sollen. Dieser Hauch von Paradies gibt den Geschichten von Heiligen und Tie- ren ihren eigentümlichen Zauber — so als schaute man durch ein Guckloch in den Garten Eden hinein” (S. 13).

Für den abendländischen Menschen steht Franz von Assisi als Symbol für die Gestalt des Heiligen in seiner Beziehung zum Tier —> Brüderlichkeit. Selbstverständlich darf die Heiligenliteratur nicht unkritisch herangezogen werden, wie Lieselotte Junge (1932) nachweist, weil Wunder im Sinne von Lukas 10,19 (Schlangen und Skorpione können den Jüngern nichts anhaben) zum zeitbedingt notwendigen Bestand der Heiligenlegenden gehörten: je wilder ein Tier und je unglaublicher seine Vertrauens- oder Gehorsamsbeweise, desto höher das Ansehen der sie bewir- kenden Heiligen. Dennoch ist die bloße Unglaublichkeit eines Berichtes noch kein Kriterium der Unglaubwürdigkeit des Erzählers. L. Jungegibt (S. 113) sogar eine sozialpsychologisch einleuchtende Erklärung, nämlich „eine gewisse Einheit der ,creatura sensibilis’ von Mensch und Tier” (-3 Emotionalität), die bei der einsamen und meist asketisch-vege- tarischen Lebensweise der Heiligen nicht nur den Kontakt, sondern partnerschaftliche —> Du-Evidenz ermöglicht. Aber auch plötzliche Be- gegnungen mit mächtigen Tieren können einen erstaunlichen Verlauf nehmen, wenn der Mensch nicht als Feind, sondern in friedlicher Gelassenheit auftritt. H. Hediger hat (1967, S. 244 ff.) unter diesem Gesichtspunkt die Legende vom heiligen Gallus und dem Bären untersucht und mit verbürgten Begegnungen solcher Art aus jüngster Zeit verglichen.

Weitere Literatur: J. Bernhart 1961, W. Pangritz 1963.

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