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Heim- und Hobbytiere

Heim- und Hobbytiere. Damit sind alle Tiere gemeint, die in privaten Haushalten nicht als Nutztiere (–> Nutztierhaltung) leben.

I. Von den in der Bundesrepublik Deutschland auf insgesamt 8o Millionen geschätzten H. sind allerdings 65 Millionen Zierfische, und neben den klassischen Heimtieren wie Hunde, Katzen, Vögel, Meerschweinchen und Goldhamster werden auch immer mehr exotische Tiere gehalten, die oft ein schreckliches Schicksal hinter sich haben. Aber auch wenn sie alles überlebt haben und in einem Haushalt untergekommen sind, ist ihr Leben im Regelfall bedauernswert, weil ihnen die ihrer Art angemessene oder wenigstens erträgliche Haltung und Umgebung nicht geboten werden kann. Oft kommt es zu aussichtslosen, ja rücksichtslosen Erziehungsversuchen, weil das entsprechende Wissen fehlt; die Tiere werden nervös, aggressiv und dann auf die eine oder andere Art wieder „abgeschafft”.

Im Vergleich mit anderen Ländern ergibt sich folgendes Bild: Auf je 1000 Einwohner leben in Frankreich 175 Hunde und 125 Katzen, in Schweden im Hunde und 78 Katzen, in Österreich 60 Hunde und 133 Katzen, in der Bundesrepublik 55 Hunde und 48 Katzen, in der Schweiz 53 Hunde und 90 Katzen (Mitteilung der Welttierschutzgesellschaft vom Oktober 1982). In den USA werden nach „Animal” (1984, 11) insgesamt 92 Millionen Hunde und Katzen sowie 40 Millionen Vögel gehalten.

II. Dementsprechend nimmt der —> Tierhandel gewaltige Ausmaße an, und rund um das H. entsteht eine Industrie für Tiernahrung, Käfige, Voli&ren, Körbchen, Aquarien, Terrarien, Spielzeug, Dressurgerät, Kosmetik, Tierbücher und vieles mehr. Kein Wunder, daß die Heimtier- messe 1986 in Wiesbaden wieder ein großer Erfolg war. Laut „Zeitmagazin” Nr. 35 vom 1.9.1972, S. 14 gaben damals allein die Hunde- und Katzenhalter der Bundesrepublik jährlich ca. 3,7 Milliarden DM aus. Mit dem wachsenden Lebensstandard der Menschen ändert sich auch das Leben der Tiere: alles im Überfluß, außer Natur und menschlicher Wärme; dafür mehr Pflegesalons, Tierpensionen und öfter zum Arzt.

III. Über die Motive zur Anschaffung so vieler Tiere gibt es keine Klarheit. Häufiger Anlaß, ein Tier ins Haus zu nehmen, ist das Drängen der Kinder. Dieser Wunsch ist durchaus verständlich, wenn man die besondere Beziehung zwischen —> Kindern und Tieren bedenkt. Aber wenn es dann soweit ist, dann sollten die Eltern wissen: Wenn ein Tier ins Haus kommt, dann ist das mehr als der Kauf eines neuen Möbels, es ist fast schon die „Adoption” eines weiteren „Kindes”.

Einen Hund sollte man nur halten, wenn man ihm auch ein „hundewürdiges” Leben bieten kann und will, das bedeutet: genügend Auslauf bei jedem Wetter. Und ehe man sich dafür entscheidet, sollte man zumindest das nötige Wissen über Hunde erwerben und dann auch einen Gang in das nächstgelegene Tierheim nicht scheuen. Schließlich will man ja einen Gefährten und kein Prestigeobjekt; also ist der Stammbaum weniger wichtig als die körperliche und seelische Gesundheit eines Tieres. Das sind Qualitäten, die bei der oft profitorientierten Mas- senproduktion von Modehunden nicht immer gewährleistet sind. Der Hundekauf bleibt also mit einem gewissen Risiko verbunden, das man nur verringern kann, wenn man sich von einem Tierarzt beraten läßt, der sich dann auch vergewissern kann, daß die nötigen Gesundheits- vorsorgen getroffen wurden oder noch werden.

Mit Rücksicht auf die gerade in der Stadt drohende Übervölkerung an Hunden sollte man überlegen, ob nicht auch ein leichter zu haltendes Tier in Frage kommt. Zwar muß es keine Schildkröte sein, die zögernden Eltern als besonders anspruchslos empfohlen wird, weil man ihre Bedürfnisse nicht kennt. Bei den Goldhamstern sollte man bedenken, daß es eigentlich Nachttiere sind, die dann oft unserem tagorientierten Rhythmus unterworfen und dadurch gequält werden; außerdem endet etwa jedes dritte Goldhamsterleben mit einer vorzeitigen Tragödie: zerquetscht, zertreten, verlaufen oder an unserer Wohlstandstechnik, wie Waschmaschine, Backofen oder Geschirrspülmaschine, qualvoll zugrunde gegangen.

Oft ist eine Katze der richtige Partner. Zwar braucht auch sie ein hohes Maß an Zuwendung, aber sie kann ihre Streifzüge allein unternehmen und ist unabhängiger als der Hund. Auch für das Zusammenleben mit Kindern bringt sie einen wichtigen Pluspunkt mit: Sie ist gegen harte Zugriffe der Kinder etwas weniger tolerant und kann sich mit dosierten Krallen auf ungefährliche, aber doch wirkungsvolle Weise zur Wehr setzen. Dort, wo dann auch für eine Katze kein Platz mehr ist, kann man oft noch ein Meerschweinchen oder einen Wellensittich unterbringen.

IV. Oft werden H. auch von älteren Menschen gehalten, um der sonst unerträglichen Einsamkeit zu entgehen. Das Tier ist dann das einzige fühlende „Du”, mit dem man reden kann, ohne daß es ungeduldig wird. Die Bedeutung einer solchen — > Mensch-Tier-Beziehung ist inzwischen auch für Kranke, Problemkinder und Resozialisierbare entdeckt worden. Vgl. hierzu auch den Bericht von Heinz Ockladt „Mehr Überlebenswillen durch Haustiere? Gesundungshilfe für Alleinstehende. Aufschlußreiche Untersuchung Herzkranker.” (Deutscher Forschungsdienst, Berichte aus der Wissenschaft 30/42 vom 19.10.1983, 5. ii ff.)

Jedenfalls ist die -> Tierliebe nicht der einzige Grund, Tiere zu halten, sonst könnte die jährliche Aussetzungswelle zu Beginn der Ferienzeit nicht solche Ausmaße annehmen. Willi M. Riegel hat darüber in „Christ und Welt” vom 11.9. 1964 berichtet: „Ein nahezu ehernes Gesetz verlangt, daß man sich was Lebendiges in der Wohnung hält. Ein anderes nicht minder rigoroses, undisputierbares Gesetz des Lebens in Paris will, daß man der Großstadt im Sommer so schnell wie möglich und so ausgiebig wie möglich entflieht . . . Seit Jahren beunruhigen sich die ,echten’ und die professionellen Tierfreunde über die steigende Ver- breitung einer wegen ihrer Einfachheit geradezu idealen Methode, das Haustierproblem zur Ferienzeit zu lösen: man setzt sie aus . . . Kaum läßt sich erklären, was sich hunderte und tausende Male in diesem Som- mer begab: An den Ausfallstraßen der Hauptstadt hielten die Autos reihenweise an, die Tür kurz geöffnet, ein Hund, eine Katze, ein Vogel oder eine Schildkröte flogen heraus, und der Wagen brauste mit Vollgas davon . . .” Ähnliches ist auch in anderen Ländern üblich, insbesondere in den USA (vgl. den Bericht des Welt-Tierschutzbundes in „Das Recht der Tiere” 1963, Heft 1/2, S. 28f.). Dort nennt man das Wegwerfen der Hunde „Dogdumping”. Dumps sind die Müllhalden, und Hunde sind offenbar Müll. Vgl. hierzu auch A. F. Goetschel (1986, 5. 164).

Weitere Literatur: K. Drawer 1980, M. Fox 1980, S. 69-85, K. Franke 1985, S. 24-44, H. Gebhardt 1980, 0. König 1980, A. Lorz 1983, S. Walden und G. Bulla 1985, S. 65-87.

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