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Kinder und Tiere

Kinder haben ein besonderes Verhältnis zu Tieren; das ist mehrfach untersucht worden. Hier die wichtigsten Ergebnisse:

Das Kind empfindet das Tier als menschenähnlich (—> Anthropomorphismus). Es ist sich des Unterschiedes zum Tier noch nicht bewußt, ja diese Unterschiede sind noch kaum vorhanden, weil das Kind seine menschlichen Eigenschaften noch nicht oder erst ansatzweise entwickelt hat, während das Tier über solche Ansätze nicht hinauskommt. Für das Kind ist das Tier ein wichtiger Partner. Adolf Busemann (1965 a, S. 129) spricht ausdrücklich vom „Ich-Du-Erlebnis des Kleinkindes im Verkehr mit Tieren” (—> Du-Evidenz) und sagt noch ergänzend: „Wenn nicht ausreichend menschliche Partner zur Verfügung stehen, läßt das Kleinkind andere Dinge sein Du sein, soweit möglich ein Lebewesen: Hund, Katze, Hühner, andere Haustiere, Vogel im Käfig, aber auch Gelegenheitspartner wie Schnecken, Ameisen usw. Das Tier spielt im sozialen Leben des Kindes eine sehr bedeutende Rolle.” Darum hat auch Rolf Lachner recht, wenn er (1979, S. 51) schreibt: „Ein eigener Hund kann vielen Kindern helfen, ihre eigenen Probleme besser zu lösen. Das gilt in ganz besonserem Maße für Kinder, die häufig von den Eltern allein gelassen werden oder aus einem anderen Grund das Gefühl dauernder Sicherheit brauchen, das ihnen ihre Eltern schon deshalb nicht geben können, weil sie beide zur Arbeit gehen und abends müde und abgespannt nach Hause kommen. Da ist das Kind glücklich, wenn es einen Hund hat, der ihm zuhört und ihm jene Zuneigung schenkt, derer es so dringend bedarf. Was dieses einsame Menschenkind vermißt, ist ein Wesen, das ihm ganz speziell gehört und um das es sich kümmern und sorgen kann. Muß es nicht als ein hoffnungsvolles Zeichen gewertet werden, wenn ein solches Kind, statt depressiv oder aggressiv zu reagieren, einem Hund die Bemutterung zuteil werden läßt, die es im Grunde selbst sucht? Und noch etwas: ein Kind, das seinen Hund spazierenführt, gewinnt ein Gefühl der eigenen Bedeutung und der schutzgewährenden Überlegenheit, das ihm keine andere Situation auf diese Weise vermitteln kann.”

K. u. T. begegnen sich auf der gemeinsamen Grundlage verwandter Triebe und Neigungen: Beide sind in hohem Maße liebebedürftig und auf spielerisches Üben ihrer Kräfte oder Erkunden ihrer Umwelt angelegt. Auch da, wo das Kind durch seine Fähigkeit zur Wortsprache dem Tier schon überlegen ist, bleibt es in einem Bereich, der dem höher entwickelten Tier zugänglich ist. Seine Sprache ist noch so von —> Emotionalität geprägt, daß die zum Ausdruck gebrachten Empfindungen von vie- len Tieren verstanden werden. Dieser Sachverhalt wird von Heini Hediger (1949, S. 95) so beschrieben: „Das Kind steht dem Tier – vor allem gefühlsmäßig – näher als der Erwachsene und löst daher beim Tier auch ein anderes Verhalten aus. Deswegen darf sich ein Kind mit Tieren zu- weilen Dinge erlauben, bei deren Anblick dem Erwachsenen oft unheimlich zumute wird.”

Insbesondere kranke oder verhaltengsgestörte Kinder sind auf das Tier als Kamerad angewiesen. „Kinder brauchen Tiere” überschreibt Rolf Lachner ein ganzes Kapitel seines Buches und berichtet auch über Heilerfolge bei behinderten Kindern (1979, S. 23 f. und 51-57).

Die Hilfe, die das Tier dem verhaltensgestörten oder behinderten Kind bringen kann, ist aber für alle Kinder wichtig; auch das gesunde Kind erfährt in seinem jungen Leben Schmerz, Leid, Unrecht oder Enttäuschung, und oft ist es zu sehr allein, ängstlich oder mißtrauisch, um sich einem anderen Menschen anzuvertrauen: das Tier aber hört zu und fragt nicht; es versteht alles und verrät nichts!

Wenn Kinder in einer Familie mit Tieren aufwachsen, ist alles vergleichsweise einfach. Schwieriger wird es, wenn Tiere auf das Drängen der Kinder angeschafft werden. Ein Haustier ist aber keine „Anschaffung”, es ist ein „adoptiertes weiteres Kind”.

Eltern müssen in dieser Situation bereit sein, das Eigenrecht des neuen Hausgenossen anzuerkennen, d. h. bis zum Schulalter eines Kindes und oft noch erheblich länger selbst für das Tier zu sorgen, wobei dann das Kind mithelfen kann, bis es die nötige Verantwortungsfähigkeit er- worben hat. Doch zunächst muß das Tier vor dem Ungestüm des Kindes ebenso geschützt werden wie vor der Gleichgültigkeit, die oft eintritt, sobald der Reiz des Neuen verflogen ist. Dann ist es ganz und gar unverzeihlich, wenn Vater und Mutter sagen: „Du hast das Tier um jeden Preis haben wollen, nun versorge es auch ordentlich.” Nur wer selbst Tiere liebt, kann diese Liebe auch weitergeben: Gerade von Vater und Mutter kann das Kind die regelmäßige, liebevolle und der jeweiligen Tierart angemessene Pflege ja erst richtig lernen!

Ein Hund sollte nur in Frage kommen, wenn man ihm auch ein „hundewürdiges” Dasein bieten kann und will, das bedeutet: genügend Auslauf bei jedem Wetter. Und ehe man sich dafür entscheidet, sollte man zuerst das nötige Wissen über Hunde erwerben und dann auch einen Gang in das nächstgelegene Tierasyl nicht scheuen. Schließlich will man ja einen Freund und kein Prestigeobjekt, also ist der Stamm- baum weniger wichtig als die körperliche und seelische Gesundheit eines Tieres. Das sind Qualitäten, die bei der gelegentlich profitorientierten Massenproduktion von Modehunden nicht immer gewährleistet sind. Der Hundekauf bleibt also mit einem gewissen Risiko verbunden, das man nur verringern kann, wenn man sich bei der Auswahl von einem Tierarzt beraten läßt, der sich dabei auch vergewissern kann, daß die nötigen Gesundheitsvorsorgen getroffen sind.

Mit Rücksicht auf die gerade in der Stadt drohende Überbevölkerung an Hunden sollte man überlegen, ob nicht auch ein leichter zu haltendes Tier in Frage kommt, etwa eine Katze. Zwar braucht auch sie ein hohes Maß an Zuwendung, aber sie kann ihre Streifzüge allein unternehmen und ist nicht so ausschließlich auf ihren Menschpartner geprägt. Sie kann sich stundenlang mit ihrer außermenschlichen Umwelt befassen, ohne an Trennungsschmerz zu leiden wie der Hund. Auch für das Zusammenleben mit Kindern bringt sie einen wichtigen Pluspunkt mit: sie ist gegen harte Zugriffe der Kleinen etwas weniger tolerant und kann sich mit dosierten Krallen auf ungefährliche, aber doch wirkungsvolle Weise zur Wehr setzen. Dort, wo dann auch die Katze keinen Platz mehr hat, kann man oft noch ein Meerschweinchen oder einen Wellensittich unterbringen.

Nicht alles, was der —> Tierhandel anbietet, ist für das Kind geeignet. Vom —> Tierschützer sollte man erwarten können, daß er falsche —> Tierliebe ebenso durchschaut wie die möglichen Gefahren der Haltung von —> Heim- und Hobbytieren überhaupt.

K. u. T. werden gelegentlich in einen völlig unbegründeten Streit um die Priorität zwischen Tierschutz und Kinderschutz hineingezogen. Im „Jahr des Kindes” (1979) wurde ein Film „Kommt Tierliebe vor Kinderliebe?” gedreht, der laufend Gedenksteine aus einem Tierfriedhof zeigt, darunter auch einen mit der anklagenden Inschrift: „Er war mir mehr als ein Mensch.” Dies deutet sicher auf ein gestörtes Verhältnis zu den Mitmenschen hin, aber ist nicht zu vermuten, daß daran eben auch das Versagen der Mitmenschen schuld ist? Der eigentlich Beschämte ist nicht der aus Verlassenheit „Auf-den-Hund-Gekommene”, sondern jeder, der einen Angehörigen, Freund, Bekannten oder Nachbarn so vergißt und vernachlässigt, daß dieser sich vereinsamt fühlen muß. Vollends unvertretbar ist dann aber die in dem Filmkommentar gezogene Verbindungslinie vom Tierfreund zum Kinderfeind. Umgekehrt würde es jedenfalls niemandem einfallen, im Kinderfreund schon den potentiellen Tierquäler zu sehen. Mehr zu diesem Thema unter dem Stich- wort —>Tierfreund-Menschenfeind-Komplex.

Weitere Literatur: A. Condoret 1973, H. Grupe 1969, A. M. Krüger 1934, F. Plötz 1955, D. Rüdiger 1956, M. Zillig 1961.

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