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Medizinische Ethik

Medizinische Ethik ist ein interdisziplinäres und weitreichendes Wissens- und Forschungsgebiet, das hier nur in einem engen Ausschnitt skizziert wird, d. h. im Kontext des Stichwortes soll nicht die Fülle der ethisch relevanten Probleme der Medizin dargestellt, sondern es soll gezeigt werden, mit welchem ethischen Hintergrund der in der Medizin Forschende an den –> Tierversuch als die zwischen Biomedizin und —> Tierschutzethik strittige Methode herangeht. Wer sich mit der M. E. insgesamt befassen will, kann sich bei Hans Schaefer (1983) nach dem neuesten Stand informieren, der sich (S. 231-235) auch mit dem Tierversuch befaßt. Dies ist eine Ausnahme, denn Helmut Piechowiak, der (1983, S. 1447) eine von ihm zusammengestellte Bibliographie „Medizinische Ethik nach 1945″ erwähnt, hat in dieser Literatur nichts zum Thema Tierversuche gefunden. Entsprechendes gilt auch für die Untersu- chung von Jürgen Hübner (1983) „Neuere theologische Literatur zur medizinischen Ethik” anhand von 21 Veröffentlichungen. Ähnlich ist die Situation in der Bioethik, obwohl Otfried Hoffe seinen Beitrag zum Tier- versuch (1982) ausdrücklich mit dem Nachsatz „bioethische Überlegungen” bezeichnete.

I. Die M. E. steht seit der Antike in der Tradition des hippokratischen Eides, der die Pflicht des Arztes, dem Leidenden zu helfen, gegenüber der Pflicht des Menschen, das Tier human zu behandeln (—> Humanität), immer als vorrangig (-> Priorität der Pflichten) angesehen hat. Erst seit dem Streit über die Tierversuche wird die Frage gestellt, ob das Ziel des Arztes, dem leidenden Menschen zu helfen, den Tierversuch als Mittel hierzu auch wirklich rechtfertigt. Die früher einhellige Meinung ist seit- her gespalten, die Zahl der Tierversuchskritiker nimmt zu.

II. Die M. E. war aber nicht immer so einheitlich auf den hippokratischen Eid festgelegt. Jedenfalls soll Maimonides (1135-1204) eine ethische Überzeugung vertreten haben, in der die Linderung des Leidens Vorrang vor der Lebensverlängerung hatte. Einmal angenommen, diese Ansicht wäre damals als Gebot der –> Barmherzigkeit verstanden und vertreten worden, dann hätte sich eine ganz andere Entwicklung ergeben können. Trotzdem ist auch heute noch zu fragen: Warum wird der Tierversuch als „kleineres Übel” so oft hingenommen, und warum kann man über eine humanere Euthanasie als „kleineres Übel” kaum reden? Vgl. hierzu auch die Bedeutung des Leidenmüssens bei Mensch und Tier —> Wohlbefindensprinzip II—IV.

III. Diese lange und konsequente Vernachlässigung eines offenbar für unwichtig gehaltenen Themas hat sich auch auf die Tierversuchsdiskussion der letzten Jahre ausgewirkt. Die häufige Erklärung der Biomediziner, sie seien sich der mit ihrer Arbeit verbundenen ethischen Verantwortung gegenüber dem Tier bewußt, kann jedenfalls durch ent- sprechende Publikationen, die doch Ausdruck der Wichtigkeit eines Themas sind, nicht belegt werden. Erst seit der in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre in Gang gekommenen und zu einem unerwarteten Höhepunkt gelangten Diskussion ist das Informationsdezifit und die Bedeutung der ethischen Fragestellung erkannt worden. Ulrich Tröhler schreibt (1985, S. 78): „Deshalb werden auch die Diskussionen um den Tierversuch weiter andauern, wobei die moralische Problematik im Zentrum stehen sollte.” Anzeichen für den inzwischen eingetretenen Wandel sind einige Veranstaltungen kirchlicher Akademien oder auch das Heidelberger Symposion von 1984 „Tierversuche und medizinische Ethik” (Wolfgang Hardegg und Gert Preiser 1986).

Man kann die verspätete Endeckung dieses Problemfeldes nur damit erklären, daß die Medizinforschung ausschließlich auf die Frage fixiert war, wie man dem leidenden Menschen durch medizinische Fortschritte helfen kann, während die Frage nach dem möglichen Preis zu Lasten der Versuchstiere nicht gesehen oder zumindest nicht ernsthaft erwogen wurde, obwohl dieses Thema bereits in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts die öffentliche Meinung heftig bewegt hatte. Mit dieser durch die Absolutsetzung des hippokratischen Eides auch ethisch abgesicherten —› Einstellung, wonach alle Versuche voll gerechtfertigt sind (vgl. -> Rechtfertigung), die der Gesundheit und Lebenserhaltung des Menschen dienen, sind gerade auch die Medizinforscher groß geworden, und es wäre wohl eine Überforderung, von ihnen zu erwarten, daß sie ohne zwingende Gründe davon abgehen und nun auf einmal verurteilen sollten, was sie bisher gebilligt haben. Darum kann auch nur die Einsetzung von —> Ethikkommissionen zur Beurteilung von Tierversuchen zu den damit erwarteten Einschränkungen führen.

Literatur: Im Text erwähnt.

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