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Mensch-Tier-Vergleich

Seit der Antike wird das Mensch-Tier-Verhältnis durch die Anthropozentrik des Menschen bestimmt, die sich in zwei Richtungen entwickelt hat: einen –> anthropozentrischen Humanismus und einen anthropozentrischen —> Naturalismus. Beide beruhen auf der unbestreitbaren -> Sonderstellung des Menschen, werden aber unterschiedlich begründet. Der Humanismus sieht den Menschen durch Vernunft und Moralfähigkeit über die Natur hinausgehoben und insofern als berechtigt, die subhumane Natur zu seinen „vernünftigen” Zwecken zu benutzen, -> Benutzungstheorie. Der Naturalismus sieht den Menschen zwar an der Spitze der Natur bzw. „als vorläufiges Endprodukt einer natürlichen Entwicklung” (Codex experiendi 1983, B/4), aber jedenfalls innerhalb der Natur und insofern berechtigt, das in ihr wal- tende „Recht des Stärkeren” auch gegenüber den Tieren als ethisch neutrale Beeinflussung einer Art durch eine andere (vgl. -> Züchtung) in Anspruch zu nehmen.

Auch die artübergreifende –> Humanität reicht weit in die Vergangenheit zurück, hat sich gegen Humanismus und Naturalismus aber erst seit dem 19. Jahrhundert und nur in bescheidenem Umfang durchsetzen können. Auch die Humanität geht von einer überlegenen Sonderstellung des Menschen aus, leitet davon aber nicht das Recht auf Ausbeutung ab, sondern eine Fürsorgepflicht, –> Pflichtenkonzept.

In allen Fällen ist also die Frage nach dem Mensch-Tier-Unterschied von großer Bedeutung, auch für die aus der Humanitätsethik resultierende Forderung nach –> Gerechtigkeit, die Gleiches gleich und Ungleiches entsprechend anders behandelt wissen will, —> Gleichheitsgrund- satz. Nur wenn durch Vergleich das Gemeinsame und Verschiedene zwischen dem Menschen und den Tierarten geklärt ist, kann die Frage, wann Gleichbehandlung und wann Andersbehandlung der Tiere gefordert ist, beantwortet werden. Dabei müssen die Vergleichsregeln (vgl. —> Gleichheitsgrundsatz VI) beachtet werden.

Zur Durchführung solcher M-T-V.e gibt es eine ganze Reihe kompa- rativer Wissenschaften, von der vergleichenden Anatomie bis zur vergleichenden –> Ethologie. Was fehlt, ist eine Wissenschaft, die in der La- ge sein müßte, (1) die Bedingungen des Wohlbefindens, (2) das Erleben von –> Schmerzen, —> Leiden und —> Schäden, (3) die Bedeutung des Lebens, der Lebensdauer und des Todes (—> Lebenserhaltungsprinzip) oder ganz generell (4) die —> Interessen des Menschen und der Tiere zu vergleichen. Daß es diese Wissenschaft noch nicht gibt, entbindet nicht von der Pflicht, schon jetzt gemäß Wahrscheinlichkeit oder notfalls begrün- deter Vermutung zu handeln. Es wäre ethisch höchst verwerflich, Tiere nur deswegen beliebig zu töten oder zu mißhandeln, weil wir nicht mit letzter Sicherheit wissen können, wie das Tier leidet und was ihm der Tod bedeutet. Im übrigen liegen wichtige Untersuchungsergebnisse schon vor und bedürfen nur der Zusammenfassung. Alles, was die Biomedizin an Erkenntnissen sucht, findet sie auf dem Wege der vergleichenden Forschung, angefangen von der Chirurgie bis zur Physiologie des Schmerzes. Wichtige Ergebnisse wurden aber auch von der Ethologie gefunden. Zu diesen Erfolgen gehört z. B. die Erhellung des stammesgeschichtlichen Hintergrundes des —> Verhaltens bei Mensch und Tier, analoge und homologe Entwicklungen wurden immer neu untersucht und damit auch die methodische Brauchbarkeit und hohe Zuverlässigkeit des -> Analogieschlusses überprüft.

Der alten —> Tierpsychologie hatte man unerlaubte Rückschlüsse vom Menschen auf das Tier vorgeworfen, der Ethologie wird nun das Ge- genteil, unerlaubte Rückschlüsse vom Tier auf den Menschen, angelastet; J. Illies (1971 und 1973) und Fritz Rauh (1969) haben hierzu Stellung genommen. Trotzdem ist die alte Streitfrage neu belebt worden, ob der Mensch ein primär biologisch vorprogrammiertes und nur beschränkt lernfähiges oder ein durch Milieufaktoren eingeengtes, aber prinzipiell unbegrenzt lernfähiges und erziehbares Wesen sei; mit anderen Worten, ob menschliches Verhalten ausschließlich gelernt werde, oder ob es neben den erlernten auch angeborene Verhaltensweisen gebe, wie die Ethologen es inzwischen vielfach belegt haben.

Historisch betrachtet, war das Vergleichen von Mensch und Tier oft weniger von reinem Erkenntnisstreben motiviert, als vielmehr von dem Bestreben, möglichst gravierende und grundsätzliche Unterschiede zu finden. Der –> anthropozentrische Humanismus brauchte insbesondere nach Descartes immer wieder neue Argumente, um sich gegen Kritiker zu behaupten, und hat vor allem nach den Erfolgen der —> Ethologieviele der frühem Positionen aufgeben müssen. Dies konnte nach Friedrich Keiter (1969, S. 277) den Verdacht nahelegen, in der Verhaltensforschung bestehe eine Tendenz, den Menschen gegenüber der Tierwelt abzuwerten. Dies ist, wie Keiter dann weiter ausführt, sicherlich nicht der Fall. Aber die Nähe zwischen Mensch und Tier ist deutlicher erkennbar als je zuvor. So schrieb z. B. H. Kunz (1968, S. 243): „Für viele Merkmale, die prima vista als spezifisch menschlich imponieren, lassen sich bei Tieren in sorgfältigen Vergleichen ähnliche Kennzeichen oder keimhafte Ansätze zu solchen aufzeigen. Wo das vorerst nicht gelingt, bleibt es trotzdem fraglich, ob die restlichen, allein dem Menschen eignenden Züge zur Postulierung eines radikalen Wesensunterschiedes ausreichen.” Ähnlich äußerte sich auch Otto Koehler (1968, S. 63): „Alle die früher zu Hunderten ausgesprochenen Antithesen: Der Mensch hat Vernunft, das Tier Instinkt — Homo faber: Der Mensch stellt Werkzeuge her — Homo ludens: Der Mensch spielt, das Tier nicht, und wie sie alle heißen, sind durchlöchert: Ohne Instinkte wäre der Mensch ein hilfloser Krüppel und könnte keinen halben Tag leben. Höhere Tiere stellen Werkzeuge her und spielen. Und wenn sie zwar nicht sprechen, so zeigen sie doch unabdingbare Vorstufen und Vorbedingungen unserer Sprache, die sie uns übereignen mußten, wenn wir als erste zu sprechen beginnen sollten.” Trotzdem bleiben verschiedene Fähigkeiten und Eigenschaften des Menschen bestehen, z. B. die Fähigkeit die –> Interessen anderer Spezies zu erkennen, durch die er sich grundsätzlich von allen Tieren unterscheidet; und nur weil dies so ist, kann er auch nicht das naturalistisch begründete „Recht des Stärkeren” für sich in Anspruch nehmen.

Was der M-T-V. für unser Verhältnis zum Tier ethisch bedeutet, s. –> Sonderstellung des Menschen.

Weitere Literatur: K. H. Bauer u. a. 1968, F. 1. 1. Buytendijk 1958, I. Eibl-Eibesfeldt 1967, H. Gadamer und P. Vogler 1972, H. Hediger 198o, S. 265-315, H. Hofer und G. Altner1972, E. von Holst 1969, M. Scheler 1947, B. Schuler 1969.

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