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Mitleid

Mitleidist ein Teilbereich des umfassenderen Mitfühlens, das auch andere Mitgefühle wie die Mitfreude umfaßt. Aber während die Mitfreude (Teilnahme am Glück) als unbestrittene Tugend gilt, weil sie das Aufkommen von Neid und Mißgunst verhindert, ist das M. als Teilnahme am Unglück spätestens seit Nietzsche in Verdacht oder sogar in Verruf geraten. Die wissenschaftliche Forschung hat den Begriff und das Phänomen M. bisher stark vernachlässigt. Erst seit der Untersuchung von Käte Hamburger (1985) wissen wir mehr.

I. Bei Rousseau galt M. als ein die natürliche Güte des Menschen begründender Trieb und „Quelle aller sozialen Tugenden” (K. Hamburger, S. 15). Für Schopenhauerist es die ethische Grundkraft schlechthin. Aus M. entsteht der Wille, fremdes Leiden in Glück zu verwandeln; und somit ist M. die Kraft zur Überwindung der Bosheit, die fremdes Glück in Leiden verwandeln will (Grundlage der Moral, Aufstellung und Beweis der allein echten moralischen Triebfeder). Das Besondere bei Schopenhauer ist, daß er M. und entsprechendes Handeln nicht nur gegen- über den Mitmenschen, sondern auch dem Tier gegenüber verlangt. Die moderne Ablehnung des M. wird von Nietzscheeingeleitet, der das M. als Ausdruck der Schwäche, als mit seiner „Herrenmoral” unvereinbar ansieht (Jenseits von Gut und Böse, Ziffer 115).

In seiner Auseinandersetzung mit Schopenhauer und Nietzsche (Werke 2, S. 295) tritt Schweitzerfür den Wert des M. ein: „Ethik ist Mitleid. Alles Leben ist Leiden. Der wissend gewordene Wille zum Leben ist also von tiefem Mitleid mit allen Geschöpfen ergriffen. Er erlebt nicht nur das Weh der Menschen, sondern das der Kreatur überhaupt mit. Was man in der gewöhnlichen Ethik als ,Liebe’ bezeichnet, ist seinem wahren Wesen nach Mitleid. In diesem gewaltigen Mitleiden wird der Wille zum Leben von sich selbst abgelenkt. Seine Läuterung beginnt.”

Auch Otto Friedrich Bollnow hat sich in seiner Ethik „Einfache Sittlichkeit” (1962, S. 37-47) mit dem M. befaßt und kommt vom natürlichen sittlichen Bewußtsein zu einer hohen Bewertung, wobei die Bedeutung des M. erst dann voll erkannt wird, wenn es in einer bestimmten Situation gefordert wäre, aber fehlt und statt dessen Roheit und Hartherzig- keit walten, die dann als Unmenschlichkeit empfunden werden.

Für Walter Schulz (1972, S. 449-451) gehört neben der Vernunft das M. zu den entscheidenden „Instanzen der Ethik”, und zwar nicht nur wegen seiner präventiven Wirkung gegen Grausamkeit (wer M. hat, kann nicht grausam sein), sondern auch wegen der Motivation, Grausamkeit zu verhindern und Leidenden zu helfen.

II. Käte Hamburger hat in ihrer Untersuchung (1985, S.51 und 99 ff.) einen wichtigen Punkt berührt, das Verhältnis von M. zur —> Gerechtigkeit. Das M. kann seine Wertschätzung nur behaupten, soweit es auf Gerechtigkeit hinwirkt. Gerechtigkeit zielt auf eine optimale Lösung, während das M. ins Grenzenlose tendiert. Wer sich ohne diszipliniertes Festhalten an der Gerechtigkeit immer nur von seinem M. leiten läßt, wird das Opfer dessen, der es am besten versteht, M. zu erwecken.

III. Die Kritik am M. beruht auf verschiedenen Überlegungen. Für Kant ist das M. zwar eine „der Moralität dienliche Anlage” (—> Kantische Position), aber eben nur ein Gefühl, das in seiner Pflichtethik keinen Platz hat, während es von Nietzsche grundsätzlich abgelehnt wird, weil es mit seinem Bild vom Herrenmenschen unvereinbar ist. Alle anderen Kritiker, insbesondere Käte Hamburger, aber auch O. F. Bollnow stoßen sich an der dem M. anhaftenden Ambivalenz. Diese Zwiespältigkeit kommt darin zum Ausdruck, daß M. als Gefühl — offenbar in ganz besonderer Weise — mit anderen keineswegs altruistischen Gefühlen verbunden sein kann oder sogar unter die Vorherrschaft des Übelwollens gerät. So kann M. entwertet oder gar pervertiert werden: (1) Der Mitleidige kann das Gefühl der Erleichterung, selber nicht in einer so schrecklichen Situation zu sein, nicht ausschalten und so beim Betroffenen ein Gefühl der Erbitterung über ein solcherart „falsches” M. auslösen. (2) Der Mitleidige kann das in das M. sich einschleichende Gefühl der Überlegenheit („das hätte mir nicht passieren können”) nicht ausschalten; wenn er es nach außen spüren läßt, kann sich der Betroffene zu allem Unglück auch noch beleidigt oder gedemütigt fühlen. (3) Der Mitleidige kann das Begleitgefühl der moralischen Befriedigung über seine Sensibilität nicht ausschalten und wirkt auf den Betroffenen entspre- chend arrogant. (4) Der Mitleidige erschöpft sich in bloß verbalen Mitleidsbekundungen, tut aber nichts, um zu helfen oder zu lindern, und zwar oft auch dann nicht, wenn er dazu in der Lage wäre. Auch solches M. wird dann als falsch empfunden. (5) Der Mitleidige hilft zwar, verbindet damit aber Vorschriften, läßt es an der nötigen Diskretion fehlen (die Hilfeleistung wird zur Demonstration eigener Eitelkeit) oder läßt einen Anspruch auf Dankbarkeit oder Gegenleistung erkennen.

Käte Hamburger hat eine ganze Reihe literarischer Belege gesammelt (1985, S. 81-87), die eine solche negative Bewertung des M. ausdrük- ken, wie z. B. „mitleidig lächeln”, „er kann einem leid tun”, „gönnerhaftes”, „demütigendes”, „kränkendes” oder gar „kaltes” M.

M. kann also in verfälschter Weise gefühlt und gezeigt werden. Es ist aber auch möglich, daß echtes M. oder auch konkretes Helfenwollen durch die Schuld eines Notleidenden mißverstanden und entwertet wird, der jede Bekundung von Mitgefühl, jeden Versuch zu helfen schon als Unterstellung eigener Hilfsbedürftigkeit oder Hilflosigkeit in erkennbar verletztem Stolz heftig, wenn nicht gar aggressiv zurück- weist.

IV. Vielleicht sollte man das M. nur als persönlich motivierendes Gefühl für die von menschlicher Schwäche weniger belastete —> Empathie oder praktische Tugenden wie —> Barmherzigkeit oder —>Solidarität betrachten. Damit wäre dann auch der Bezug zur —> Tierschutzethik, insbesondere der —> Humanität deutlich erkennbar.

V. Ob und welcher Unterschied zwischen dem M. mit Menschen und dem M. mit Tieren besteht, ist bisher noch nicht durchdacht worden. Die Kritiker des M. haben meistens das zwischenmenschliche M. im Sinn. Wenn man sich aber die Negativaspekte des M. vor Augen hält, dann erscheinen sie ziemlich belanglos, wenn man an eine —> Mensch-Tier-Beziehung denkt.

Weitere Literatur: H. Ebeling 1981, H. Lück 1977, L. Samson 1980.

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