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Tierschützer

Tierschützer sind aktive Tierfreunde unterschiedlicher Intensität, also von gemäßigt bis radikal oder aggressiv. Sie wirken in den Verbänden und als Einzelkämpfer, bald in der Stille, bald in der Öffentlichkeit und im Fernsehen, bald bewundert und bald umstritten.

I. T. wird man entweder durch Erziehung und Vorbild, wie einige ehemalige Schüler von Mathilde Rempis-Nast (—> Tierschutzerziehung), oder durch ein besonderes Erlebnis. Das häufigste Erlebnis in unserer Zeit ist aber nur mittelbar über das Fernsehen möglich, das die sonst vor der Öffentlichkeit verborgenen Vorgänge ans Licht bringt. Auch an- dere Medien leisten hier einen Beitrag. Über die Motivation wird zwar schon im Artikel – Tierliebe referiert, aber das ist doch erst der Anfang. In der —> öffentlichen Meinung hat der Tierschutz einen festen Platz.

II. T. sind in einer schwierigen Lage, weil sie trotz fließender Übergänge eigentlich nur gemäßigt oder radikal sein können. Sind sie gemäßigt, kann man ihnen Inkonsequenz und daher Unglaubwürdigkeit und mangelnde —> Kohärenz vorwerfen; sind sie aber radikal, dann gelten sie als intolerant und kompromißunfähig. Ein ähnliches Dilemma betrifft ihr öffentliches Auftreten. Sind sie maßvoll, so glaubt man, leichtes Spiel zu haben, und speist sie mit unverbindlichen Versprechungen ab; treten sie mit harten Forderungen auf, wirft man ihnen Radikalität vor. Ihre Situation ist aber noch viel schwieriger, weil sie eigentlich gar keine Gegner haben, oder wer will sich schon als Tierfeind oder Tierschutzgegner ansprechen lassen? Auch Anhänger des —> Anthropozentrischen Humanismus und des —> Naturalismus bekennen sich zum Tierschutz auf der Grundlage der —> Verantwortungsethik. Also findet der Streit um besseren Tierschutz immer nur unter Tierfreunden statt: extrem gemäßigten, gemäßigten, progressiven, konsequenten und aggressiv-radikalen.

III. Wer unvorbereitet auf direkte oder indirekte Weise mit massiver Tierquälerei konfrontiert wird und nicht sofort abschaltet, wer sich auf das Leiden der Hilflosen einläßt und seine Augen von den Bildern der Not und Qual nicht abwendet, kann mit seinem Leben in eine kritische Phase geraten. Einmal aufgerüttelt, läßt ihn sein schreckliches Wissen nicht mehr los; er fragt sich, wie das alles in unserer Zeit möglich ist, und grübelt, warum es geschehen darf. Er will, er muß etwas tun. Also wird er Mitglied bei einem der entsprechenden Vereine und findet neue Freunde. Sein sehend gewordenes Auge sieht immer mehr, seine Wohnung wird bald zum Tierasyl, und mit früheren Freunden gerät er in Streit, weil er deren Teilnahmslosigkeit nicht mehr begreift. Schließlich kann er nach außen so wirken, wie ihn P. Baumann und O. Fink (1979, S. 32) beschreiben: „kompromißlos, autoritär, unbelehrbar, bestenfalls rührselig.”

Einen Erfolg seiner Tätigkeit kann er nicht erkennen, das Gefühl der Ohnmacht lähmt oder schlägt um in Wut, Verzweiflung oder Aggression. Er erlebt, „daß der Kampf für die Gerechtigkeit” auch bei ihm „im Pathos des Hasses” auftritt, wie Carl Friedrich von Weizsäcker (1980, S. 352) schreibt. Die Wut über das, was Menschen den Tieren antun, läßt ihm den Menschen als Unmensch erscheinen. Niemand hat diese aggressive —> Solidarität mit den wehrlos und hilfos leidenden Tieren emotionaler beschrieben als der Nobelpreisträger Elias Canetti in der „Provinz des Menschen”. Er sagt: „Es schmerzt mich, daß es nie zu einer Erhebung der Tiere gegen uns kommen wird, der geduldigen Tiere, der Kühe, der Schafe, alles Viehs, das in unsere Hand gegeben ist und ihr nicht entgehen kann. Ich stelle mir vor, wie die Rebellion in einem Schlachthaus ausbricht und von da sich über eine ganze Stadt ergießt .. . Ich wäre schon erleichtert über einen einzigen Stier, der diese Helden, die Stierkämpfer, jämmerlich in die Flucht schlägt und eine ganze blutgierige Arena dazu.” Auch Peter Rosegger hat seiner Erbitterung ungehemmten Lauf gelassen: „Alles, was dieses Geschlecht den hilflosen Tieren angetan hat aus Roheit, aus Torheit, aus Übermut, aus Bosheit — es komme zurück. Aller Vorteil, den der Mensch grausam aus schwächeren Geschöpfen ziehen will, verwandle sich in Unheil, und die furchtbaren Sünden, die an Tieren begangen wurden, die unendlichen, schreienden und stummen Klagen der gepeinigten Kreatur, sie haben sich verdichtet zu einem Fluch, und das Verhängnis wird sich erfüllen” (Zitiert nach Ch. Anderle 1983, S. 95). Selbst ein so besonnener Helfer an Mensch und Tier, wie Albert Schweitzer, läßt Leidenschaft spüren, wenn er zur Solidarität mit dem leidenden Tier aufruft (Werke 2, S. 389): „Keiner von uns darf ein Weh, für das die Verantwortung nicht zu tragen ist, geschehen lassen, soweit er es nur hindern kann. Keiner darf sich dabei beruhigen, daß er sich damit in Sachen mischen würde, die ihn nichts angehen. Keiner darf die Augen schließen und das Leiden, dessen Anblick er sich erspart, als nicht geschehen ansehen.” In diesem Sinne kann ein Mensch im Extremfall auch unkonventionelle Wege gehen, wie etwa Helmut Beyer mit seinem Hungerstreik (vgl. den Bericht „Tiere sind keine Sachen” von Margrit Gerste in der „Zeit” Nr. 14, 1987).

Auf diesem Hintergrund wird verständlich, daß T. oft so ungeduldig, so emotional, so kompromißlos und schließlich auch aggressiv werden. Das Unrecht am Tier wird ihm so unverhältnismäßig groß, daß ihm die Wahl der Gegenmittel nicht mehr so wesentlich erscheint. Und wenn er auch nichts erreicht, Rächer der Wehrlosen sein zu können, ist ihm schließlich genug. Und genau das ist der Punkt, wo der Mensch so vom Haß ergriffen wird, daß für die Liebe zum Tier, für die er einmal angetreten ist, nichts mehr übrig ist. Ein Weg, diese Entwicklung zu vermeiden, besteht darin, nie zu vergessen, daß man in der Regel ja nur einige Jahre oder Jahrzehnte in die eigene Vergangenheit zurückblicken muß, um sich dann selbst als gedanken- und gefühlloser Nutznießer der Tierausbeutung zu erkennen. Von der Scham darüber kann man nur in geduldiger Wiedergutmachung befreit werden, aber niemals dadurch, daß man seinen Selbsthaß auf andere abwälzt.

IV. Nur ausnahmsweise endet der Weg des T. in dieser Extremposition des militanten Tierbefreiers, wie sie von Philip Windeatt (1986, S. 270-292) aus englischer Sicht beschrieben wird. Auch in der Bundesrepublik Deutschland hat es inzwischen gewaltsame Tierbefreiungsaktionen gegeben, die aber mit dem Titel und der Intention von Peter Singers Buch „Befreiung der Tiere” nur den Namen gemeinsam haben.

Wer unter Berufung auf die –> Unteilbarkeit der Ethik verlangt, der Mensch müsse sein Handeln auch in Bezug auf etwa betroffene Tiere verantworten, der kann aus Gründen seiner Glaubwürdigkeit und der gebotenen -> Kohärenz seiner ethischen Überzeugung nun nicht seine ethische Verpflichtung in Bezug auf den Mitmenschen vernachlässigen. Mit anderen Worten: Das Versagen derer, für die -> Mitgeschöpflichkeit ein Fremdwort ist, gibt dem T. noch lange nicht das Recht, nun seinerseits den Mitmenschen aus seinem Gewissen zu streichen.

Militanter Aktionismus ist mit ethischen Argumenten nicht zu rechtfertigen, weil er sich unzulässiger Mittel bedient oder doch die -> Zweck- Mittel-Relation außer acht läßt, und weil noch nicht einmal das gesteckte Ziel erreicht werden kann, oder was soll man mit 1000 befreiten Mäusen eigentlich anfangen? Wenn es infizierte Tiere sind, so ist ihr Schicksal sowieso besiegelt. Jedenfalls werden aber neue Tiere beschafft und so insgesamt der -> Tierhandel noch intensiviert, und nicht selten wird die so schon gewaltige Zahl der in den Tierheimen unterzubringenden oder bei Dauerplatzmangel einzuschläfernden Fundtiere noch vermehrt.

V. Der T. darf sich weder in Verbitterung noch in das lähmende Gefühl der Ohnmacht treiben lassen. Er muß einsehen lernen, daß die von ihm gewollte Veränderung der —> Einstellung des Menschen zum Tier, menschheitsgeschichtlich gesehen, im Abendland gerade erst vor einer „Minute” begonnen hat, d. h. die artübergreifende Ethik der -> Humanität ist nicht viel älter als zweihundert Jahre und reicht selbst in ihren bescheidenen Anfängen nicht weiter zurück als höchstens 3000 Jahre, denn was bei der Altmenschheit an religiösen Vorstellungen vorhanden war, hat mit ethischem Bewußtsein noch nichts zu tun. Und selbst in Indien, wo die Menschen schon sehr früh eine ganz andere Einstellung hatten (-> Mensch-Tier-Beziehung I), wurde mit dem Tierschutz eigentlich nur zur Zeit des Kaisers Asoka (272-232 v. Chr.) oder in kleinen Gruppen wie den Jainas Ernst gemacht. Aus der Geschichte des Kaisers Asoka kann man auch lernen, daß Tierschutz nicht durch Gesetze ein- fach „verordnet” werden kann, sondern nur durch Vorbild und Erzie- hung vermittelt wird; vgl. Fritz Kern (1956).

Wer den Tieren helfen will, darf durchaus ein radikales oder gar uto- pisches Ziel haben (-> Idealziel), wie es auch die —> biblische Tierschutzethik in der Jesaja-Vision kennt, aber er kann die Annäherung nur in Einzelschritten erreichen; und wenn er sich dabei zuviel vornimmt, programmiert er nur die eigene Enttäuschung. Im Gegensatz zum theoreti- schen Ethiker muß der praktische T. immer wieder auf —> Kompromisse eingehen, weil der Alles-oder-Nichts-Grundsatz besonders im Tierschutz immer nur zum „Nichts” und niemals zum „Alles” führt. Er muß, wo er nicht alles gewinnen kann, das Mögliche anstreben und von jeder erreichten Etappe aus die jeweils nächsten Schritte planen und tun.

Es ist nicht einzusehen, warum sich der Tierschutz in der Überwindung der ihm entgegenstehenden Widerstände und Hemmnisse nicht auch moderner Planungsmethoden bedienen soll. Was clevere Interessengruppen, Sektengründer oder Marketing-Spezialisten, aber auch das seriöse Management sozial engagierter Institutionen wie das Rote Kreuz, Amnesty International oder die SOS-Kinderdörfer an Strategie-Entwicklung leisten, müßte auch dem T. zu größeren Erfolgen verhelfen. Tierschutz ist auf Dauer ohne —> Tierschutzpolitik nicht voranzubrin- gen.

Literatur: Im Text erwähnt.

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