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Tierschutzethik

Tierschutzethik umfaßt den Teil der —> Ethik, der die —> Mensch-Tier-Beziehung betrifft.

I. Bei Naturvölkern und in frühen Kulturen ist zwischen Philosophie und Religion nur schwer zu unterscheiden, außerdem sind auch Götter, Geister, Menschen und Tiere nicht eindeutig voneinander getrennt. Das Verhältnis zum Tier ist oft sehr eng. Die Jäger der Altmenschheit lebten von erbeuteten Tieren, denen zugleich ihr Kult diente: Zur Sicherung des Jagdglücks wie zur Entsühnung der Schuld, die der Mensch mit der Tötung des Tieres begeht. Im Totemismus wird der Mensch als von bestimmten Totemtieren abstammend empfunden. Der Weg zur Entstehung der Seelenwanderungslehre und der Entwicklung elementarer Normen in Form von Riten und Tabus wird erkennbar. Jedenfalls war das Tier für den Menschen weder verfügbar noch Eigentum. Nicht der Mensch, sondern die Götter, manchmal auch ein besonderer „Herr der Tiere” (E. Rudolph 1979, S. 24f.) war für die Tiere zuständig. Das Töten im Sinne von Opfern ist ebenfalls Ausdruck einer nicht vom Menschen selbst, sondern von Göttern hergeleiteten Verfügungsmacht.

II. Auch in den Anfängen geschichtlicher Zeit sind ethische Vorstellungen meist nur in Riten und Gewohnheiten erkennbar —>Mensch-Tier- Beziehung I.

III. Für die abendländische Ethik wird aber erst die christliche Über- lieferung bestimmend, die ihrerseits auf jüdischer Tradition beruht, aber auch griechische und römische Vorstellungen integriert. Ausgehend von Gottes Liebe zu seiner Schöpfung entsteht das Gebot einer die Mitgeschöpfe umfassenden —> Barmherzigkeit, das eine –> biblische Tierschutzethikerst möglich macht. Aus ihr sind verschiedene die Beziehung des Menschen zum Tier betreffende Konzepte entstanden, wie etwa (1) die Ethik der –> Brüderlichkeit des heiligen Franziskus, (2) die aus dem Zusammenwirken von Aufklärung und Pietismus resultierende Ethik der —> Humanität, (3) Albert Schweitzers —> Ehrfurcht vor dem Leben und (4) die von Fritz Blanke begründete –> Mitgeschöpflichkeit.

IV. In der europäischen Philosophie spielt das Tier eigentlich nur in der Antike eine gewisse Rolle. Im übrigen gilt mit einigen Ausnahmen die drastische Kritik Albert Schweitzers (Werke 2, S. 363): „Wie die Hausfrau, die die Stube gescheuert hat, Sorge trägt, daß die Türe zu ist, damit ja der Hund nicht hereinkomme und das getane Werk durch die Spuren seiner Pfoten entstelle, also wachen die europäischen Denker darüber, daß ihnen keine Tiere in der Ethik herumlaufen.”

(1) Zwar ist—ähnlich wie in Indien— auch in Griechenland die Vorstellung einer viele Inkarnationen durchlaufenden Seele mit entsprechenden Schonungsvorschriften (auch in Bezug auf —> Vegetarismus) entstanden, die man insbesondere mit Pythagoras und den Neu-Pythagoreern verbindet; aber diese Denkrichtung hat sich nicht fortgesetzt.

Das Tier wird nicht um seiner selbst willen beachtet, sondern aus anthropologischen Gründen: Im Vergleich mit Göttern und Tieren versucht der Mensch sich selbst zu verstehen und zu definieren. Trotzdem werden schon zu dieser Zeit des 5. und 4. vorchristlichen Jahrhunderts die Weichen für das europäische Denken gestellt. So etwa in Bezug auf die Stellung des Menschen in der Natur, die schon damals sehr widersprüchlich gesehen wurde. Nach Platons mehr dualistischer Sicht steht der Mensch der Natur distanziert gegenüber und soll sie (in sich selbst) möglichst überwinden und jedenfalls beherrschen, während bei Aristoteles der Mensch in eine zwar gestufte, aber doch allumfassende Natur eingebettet ist und auch bleiben soll. Dementsprechend werden die Fragen der Mensch-Tier-Ähnlichkeit und der Mensch-Tier-Unterschiede widersprüchlich beantwortet. Auf diesem Hintergrund sind bis heute gängige Konzepte entstanden, die für die abendländische Mensch-Tier-Beziehung grundlegend wurden, insbesondere die Vorstellung, daß der Mensch von Anfang an Mittelpunkt und Zweck der Natur sei (—> Anthropozentrischer Humanismus) oder daß er kraft seiner Überlegen- heit gelernt habe, die Natur für seine Zwecke zu benutzen —> Naturalismus.

Erst in der griechisch-römischen Übergangszeit greift Plutarchden Vegetarismusgedanken auf und wendet sich insbesondere gegen „das erbarmungslose Hinmorden von Tieren um der reinen Gaumenfreude willen” (Urs Dierauer 1976, S. 287). Auch der Gedanke, daß Grausamkeit gegen die Tiere in Grausamkeit gegen den Mitmenschen umschlagen kann, bzw. daß der Mensch in der Liebe zum Tier auch die Liebe zum Mitmenschen einübe, findet sich bei Plutarch (Dierauer 1976, S. 292). Ganz in diese Richtung fügt sich der Neuplatoniker Porphyrios (zitiert nach Eduard Westermarck 1909, S. 403f.): „Wer sein wohlwollendes Betragen nicht nur auf die Menschen beschränkt, sondern auf die Tiere ausdehnt, nähert sich der Göttlichkeit am meisten; und wäre es möglich, es auch auf die Pflanzen zu erstrecken, so träfe dies noch mehr zu.”

(2) Die römische Tradition hat das ethische Denken nur mittelbar über die Rechtsentwicklung beeinflußt. Sie hat die bis heute bestehende –> Rechtsposition der Tiere begründet, wonach für das Tier zwischen Person und Sache kein eigenständiger Platz ist. So hat sie die Weiterentwicklung der tradierten Binnenethik über die eigene Spezies hinaus lange und wirkungsvoll verhindert.

V.Vielleicht hat es erst der zwar schon im Humanismus angelegten, aber erst durch Descartes pointiert ausgesprochenen Abwertung der außermenschlichen Lebewesen bedurft, um eine Gegenbewegung zu provozieren, an der so unterschiedliche Strömungen beteiligt waren wie Aufklärung und —> Pietismus. Hieraus hat sich die Ethik der —> Humanität entwickelt, auf der unser Tierschutz heute beruht. Etwa zur selben Zeit vergleicht der englische Philosoph Jeremy Bentham (—> Utilitarismus) in seinem Werk „An Introduction to the Principles of Morals and Legislation” (1780) die Lage der Tiere mit der Situation der Sklaven und verlangt damit auch für die Tiere —> Gerechtigkeit.

Dieser Gedanke, daß man den Tieren Gerechtigkeit schuldig sei, hat zwar schon Schopenhauer in seiner heftigen Polemik gegen die biblische —> Barmherzigkeit (II) geäußert, aber in die tierschutzethische Diskussion hat er als Forderung erst in neuester Zeit und in der allgemeinen Formulierung „Gerechtigkeit für Mensch und Tier ” ( Gerechtigkeit VI) Eingang gefunden.

VI. Die neuere tierschutzethische Diskussion wird zunehmend von der angloamerikanischen Philosophie beeinflußt; dabei ist insbesondere an die Untersuchungen von Stephen R. L. Clark (1977), Andrew Linzey (1976), Tom Regan (1982, 1983), B. E. Rollin (1981) und Peter Singer (1979, 1982, 1985) zu denken. Jean-Claude Wolf hat darüber (1985) zusammenfassend berichtet.

Weitere Literatur: I. Bregenzer 1894, U. Hahn 1980, G.M. Teutsch 1975, 1981, 1983b und 1984.

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