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Vegetarismus

Vegetarismus bedeutet pflanzliche Ernährung (vegetabilis = pflanzlich) und ist in vielen Kulturkreisen bekannt. Das Wort V. ist erst im 19. Jahrhundert geprägt worden, als 1847 in England die erste vegetarische Gesellschaft gegründet wurde. Der V. wird ethisch und gesundheitlich begründet. Im Rahmen tierschutzethischer Überlegungen steht jedoch die ethische Begründung im Vordergrund, Zum ernährungswissenschaftlichen Aspekt vgl. Wilhelm Brockhaus (1975, S. 19-58) sowie H. Rottkaund W. Thefeldvom Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie des Bundesgesundheitsamtes, die (1984) nicht nur die bisher gängige These widerlegten, daß die vegetarische Lebensweise mit gesundheitlichen Risiken verbunden sei, sondern bei Vegetariern auch günstigere Werte bei folgenden Parametern fanden: „Blutdruck, Körpergewicht, Krankheitshäufigkeit, Cholesterin, HDL/Cholesterin, Trigylzeride, Harnsäure, Kratinin u.a.m. Albumin, Hämoglobin und Serum-Eisen waren nicht oder nur geringfügig niedriger als bei den Kontrollpersonen.” Inzwischen soll auch die Liste vegetarisch lebender Spitzensportler (vgl. Brockhaus 1975, S. 74-81) um Boris Becker erweitert worden sein. Der V. tritt in den folgenden Varianten auf: (1) der Veganismus, der alle tierischen Produkte ablehnt, (2) der Lacto-Vegetarismus, der Milchprodukte erlaubt, und (3) der Ovo-Lacto-Vegetarismus, der außerdem auch Eier erlaubt.

Zahlenangaben zum V. sind schwierig. Nach einer vom EMNID-Institut Ende 1985 für die Deutsche Pharmaindustrie durchgeführten Befragung lehnen 33 % der Bundesbürger, also 20 Millionen, das Töten von Tieren zur Gewinnung von Lebensmitteln und Bekleidung ab; unter den 14-34jährigen sind es sogar 40 %. Vermutlich ist es aber nur ein geringer Bruchteil der Befragten, der das, was „eigentlich” richtig wäre, auch in die Alltagswirklichkeit umsetzt.

V. verlangt nach Brockhaus (1975, S. 13) „die größtmögliche Rücksicht auf die Tiere; er geht also weit über die konventionellen Forderungen des bürgerlichen Tierschutzes hinaus und schließt den Verzicht auf Gebrauchsgegenstände ein, die nur durch Tötung oder Quälen von Tieren gewonnen werden können, wie auch den Verzicht auf die Nutzung von Tieren zu sportlichen oder Unterhaltszwecken, wenn sie das Leben die- ser Tiere wesentlich beeinträchtigen.” Für die ethische Begründung des V. waren vor Brockhaus und Skriver (1967,1977) insbesondere Henry Seit (1980) und Magnus Schwantje (1976) maßgeblich.

I. Der ethische V. ist vermutlich als Folge der Vorstellung von der Einheit alles Lebendigen und der damit verbundenen Seelenwande- rungslehre in Indien entstanden, wo sie heute noch verbreitet ist —> Mensch-Tier-Beziehung I. Die europäische V.-tradition hängt ebenfalls mit einer Seelenwanderungslehre zusammen, sie geht auf Pythagoras und die Neu-Pythagoreer zurück. Urs Dierauer erwähnt (1976, S. 81, 97-99, 173-175 und 286-293) verschiedene Stellungnahmen und Schriften gegen den Fleischgenuß.

II. Auch im frühen Christentum hat der V. eine wenig beachtete, aber offenbar nicht unwesentliche Rolle gespielt, denn jedenfalls ist klar, daß sich die biblische Idealvorstellung am Schöpfungsfrieden (-> Biblische Tierschutzethik)mit seinem V.gebot orientiert hat und daß die Zulassung der Fleischnahrung nach der Sintflut die für die gefallene Schöpfung bis zum Abschluß des Erlösungswerkes durch Christus hinzunehmende Notordnung war. Endziel (-> Idealziel) des Christen ist aber nach Jes 11, 6-9 und Röm 8, 18-23 das Reich Gottes als Friedensreich.

(1) Im weiteren Verlauf der Kirchengeschichte geht der V.gedanke unter. Das Beispiel vieler Heiliger hat nichts bewirkt, und schließlich ist auch das Passions- und Freitagsfasten zu einer bloßen Abwechslung im Speisezettel degeneriert. Askese und einfacher Lebensstil klösterlicher Gemeinschaften werden oft nur als Mittel der Buße und Heiligung gesehen und beachtet; die Rücksicht auf das Leben der Mitgeschöpfe spielt keine Rolle oder wird nicht eigens erwähnt. Carl Anders Skriver hat (1967 und 1977) mit seinen Büchern nicht nur die etablierte Theologie herausgefordert, sondern der Kirche ein in Bezug auf die Tiere.umfangreiches Sündenregister vorgehalten. Aber auch das, was unangefochtene und wohlwollende Kritiker sagen, ist gravierend genug. So schreibt Joachim Blies (1973, S. 97), daß aus der konsequenten Befolgung des Liebesgebotes auch eine Ablehnung der Tiertötung folgen muß, wie sie in der frühen Kirche als Möglichkeit durchaus angelegt war: „So hat die christliche Urgemeinde in Jerusalem unter Jacobus dem Gerechten in Ablehnung der mosaischen Speiseverordnung gänzlich vegetarisch gelebt, und der Kirchenvater Hieronymus, der die lateinische Bibel schuf, hat im vierten Jahrhundert die theologische Begründung dazu gegeben: ,Durch Christus’, so schreibt er (Adversus Jovinian I:30), sei das Ende der Geschichte wieder mit dem paradiesischen Anfang verknüpft worden,so daß es uns jetzt nicht mehr erlaubt ist, Tierfleisch zu essen’. Sein großer Zeitgenosse Augustin übertrifft ihn noch, wenn er schreibt, daß er lieber auf allen Weltruhm verzichten möchte als eine Fliege töten! So ist also eigentlich der Weg einer sittlichen Entwicklung klar vorgezeichnet, der sich in einer konsequenten christlichen Liebeshaltung zu den Geschöpfen von jeglicher Tötung weg und auf ein neues, friedliches Nebeneinander von Mensch und Tier hinbewegt, auf eine Erlösung aus der tödlichen Abhängigkeit, wie sie sich das ‚ängstliche Harren der Kreatur’ von den ,Kindern Gottes’ erhofft (Römerbrief 8, 19).”

(2) Niemand kann genau sagen, warum dieser frühchristliche Ansatz wieder verkümmert ist, aber in seinem Aufsatz „Die falsche Anthropozentrik” beschreibt der Bonner Theologe Erich Gräßer (1978) die Entwicklung und die Folgen einer Theologie, die in der Bibelexegese einerseits alle Aussagen unterstreicht, die dem Menschen Macht über seine Mitgeschöpfe verleihen und ihn aus der übrigen Schöpfung heraushe- ben (christliche Variante des —> anthropozentrischen Humanismus), und andererseits alle Stellen unbeachtet läßt, die als Beschränkung dieser Macht- und Sonderstellung des Menschen zu verstehen sind –> Sonderstellung III.

Diese Parteilichkeit zugunsten des Menschen geht aber noch weiter. Jeder weiß, daß die Bibel verschiedene Aussagen enthält, die man mit dem Liebesgebot Jesu nicht vereinbaren konnte. So ist die Zahl der Theologen sicher sehr gering, die bei uns aufgrund der Forderung im 1. Mose 9,6 an der Todesstrafe für Mörder festhalten, vielleicht einer von hundert? Im gleichen Kapitel 9,3 wird dem Menschen erlaubt, Tiere unter Beachtung bestimmter Vorschriften zu töten und zu essen. Auch hiergegen gab und gibt es noch immer Bedenken von Menschen, die glauben, daß diese Möglichkeit mit christlicher Liebe unvereinbar ist; aber die Zahl der Theologen, die sich dieser Überzeugung anschließen, ist sehr klein, vielleicht einer von tausend? Wo bleibt hier die Glaubwürdigkeit christlicher Ethik, wo die sonst mit Recht geforderte –> Kohärenz in der ethischen Überzeugung der Tierschützer?

V. ist ein Thema, das schon im Römer- und im 1. Korintherbrief angesprochen wurde. Paulus versucht, den offenbar heftigen Abstinenz- streit (Fleisch, insbesondere „Götzenopferfleisch” und Wein betreffend) zu schlichten, indem er die Mehrheit (zu der er sich gemäß Röm 15,1 bekennt) ermahnt, auf die abstinent lebende Minderheit Rücksicht zu nehmen. In Röm 14, 20 f. schreibt er: „Reiß nicht wegen einer Speise das Werk Gottes nieder! Alle Dinge sind rein; schlecht ist es jedoch, wenn ein Mensch durch sein Essen dem Bruder Anstoß gibt. Es ist nicht gut, Fleisch zu essen oder Wein zu trinken oder sonst etwas zu tun, wenn dein Bruder daran Anstoß nimmt.” Dies ist ein Appell an die Mehrheit. Es gibt aber auch einen solchen Appell an die Minderheit, zwar nicht in diesem Zusammenhang, aber deswegen nicht weniger verbindlich: durch die Beschreibung dessen, was Liebe tut und unterläßt (1. Kor 13,14): „Sie ereifert sich nicht.” Auch nicht durch ständiges „Anstoß-Nehmen”; es könnte sonst der Fall eintreten, daß man sich eben dadurch „einen Balken ins eigene Auge stößt”, den der Überheblichkeit.

Bei der Ablehnung des V. durch die Christenheit könnte – zumindest im deutschsprachigen Raum – auch ein exegetisches Mißverständnis eine Rolle spielen, das sich bis in die Gegenwart weitergeschleppt hat. Luther hat in seinem Bemühen, das biblische Geschehen anschaulich zu machen, überall da, wo in der Passionsgeschichte Jesu letztes Mahl mit den Jüngern beschrieben wird, das fremdartige Passah einfach mit Osterlamm übersetzt, was die Leser oder Hörer bis zum heutigen Tage unaufgeklärt als Lammbraten verstanden haben. Und wenn Jesus in der entscheidenden Phase seines Lebens ein Lamm schlachten läßt und mit seinen Jüngern ißt, wie sollte dann der Christ auf den Gedanken kommen, dem Fleischgenuß zu entsagen? Vgl. hierzu G. M. Teutsch (1975, S. 205).

III. Die ->Tierschutzethik verlangt den V. nicht unbedingt, soweit sie sich nur auf das -> Leidvermeidungsprinzip beruft und sofern die davon betroffenen Tiere nicht leiden. Eben diese Voraussetzung ist heute we- niger denn je gegeben. Das Leben der Schlachttiere in den meisten Intensivhaltungen (–> Nutztierhaltung) ist ununterbrochenes -> Leiden, dann kommt der ebenfalls meist tierquälerische –>Tiertransport und dann die ebenfalls meist mit Schinderei verbundene –> Schlachtung. Solange diese Mißstände nicht abgeschafft sind, kann der nicht-vegetarische Tierschützer eigentlich nur dann Fleisch essen, wenn es von nicht gequälten Tieren stammt. Eben diese Möglichkeit gibt es nur ausnahmsweise. Und so gerät der nicht-vegetarisch lebende -> Tierschützer sowohl in persönliche Gewissensnot, wie auch in eine Argumentationsnot, weil er vor der nicht unberechtigten Rückfrage „Sind Sie Vegetarier?” mit Recht zurückschreckt. Hier zeigt sich eine ganz unerwartete Folge der intensivierten ethischen Diskussion: Die für mehr Tierschutz bemühte Ethik tut zwar ihre Wirkung, aber sie kommt als unvermittelt harte Forderung auf den Tierschützer zurück.

Die amerikanischen Tierschützer haben dies schon deutlich erfahren, und die Appelle von Toni Regan (1982, S. 177-205) und Harriett Schleifer (1985) an die Konsequenzfähigkeit der Tierschützer sind unüberhörbar, auch weil man sich von einem Fleischboykott eine Wirkung zugunsten der betroffenen Tiere erwartet.

Wenn wir es fertigbringen, als Tierschützer nicht-vegetarisch zu leben, d. h. wenn wir bereit sind, die Massenquälerei der Nutztiere durch eigenen Fleischverbrauch noch zu vergrößern, nur weil wir unsere Eßgewohnheit (vgl. —> Widerstände und Hemmnisse) nicht aufgeben wollen, mit welchem Recht können wir dann von anderen irgendwelche Verzichtleistungen im Namen der -> Humanität noch fordern? Vgl. hierzu auch -> Nutztierhaltung II/4.

Ein kaum angesprochenes Problem des Vegetariers ist die Haltung nicht-vegetarischer Haustiere. Jedenfalls sollten aber Hunde und Katzen, die ja keine reinen Fleischfresser sind, auch nicht in der meist üblichen Weise gefüttert werden, sondern nur bis zu 50 % mit Fleisch. Beide Tierarten haben die fleischarme Zeit während und nach den Weltkriegen in dieser Hinsicht gut überstanden. Niemand sollte vergessen, daß auch das Tierfutterfleisch meistens von gequälten Tieren stammt.

Gelegentlich wird der Gedanke geäußert, daß eine Welt mit vegetarisch lebender Menschheit erheblich ärmer an Tieren wäre, und eben dies könne man doch nicht wollen. Dieser Gedanke zu Ende gedacht, würde das Lebenserhaltungsprinzip in ethisch unvertretbarer Weise über das -> Wohlbefindensprinzip stellen.

Weitere Literatur: N.K. Gharpure 1935, J. Hausleither 1935, Tom Regan 1983, S. 330-353, P. Singer 1982, S. 177-206, H.-G. Waldner 1980.

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