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Qualzucht bei Katzen

Die Katze begleitet den Menschen seit mehr als 2000 Jahren (Driscoll et.al. 2007). In dieser langen Zeit hat die Katze bei weitem nicht so viele züchterische Umgestaltungen erfahren wie der Haushund. Erst etwa ab der Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die Katzenzucht weltweit. Regionale Typen wurden zu eigenständigen Rassen weiterentwickelt, andere entstanden durch Aufspaltung einer Rasse, oder durch Rassekreuzungen. Auch Katzen mit durch Mutationen entstandenen ungewöhnlichen Körpermerkmalen wurden zu Begründern neuer Rassen. Die für ein Haustier eher späte Zunahme der Rassenvielfalt kann vielleicht mit der immer häufiger werdenden Wohnungshaltung von Katzen erklärt werden. Vor der Mitte des 20 Jahrhunderts waren Katzen in der Regel Freigänger und auch weitgehend Selbstversorger. Eine Katze nur drin zu halten forderte vom Halter Arbeit und Wissen rund um Hygiene und Fütterung. Die reine Wohnungshaltung wurde erleichtert durch die Entwicklung von Katzenstreu und der Entwicklung von haltbarem Fertigfutter, das dem Halter die Verantwortung für die Zubereitung von physiologisch gesundem Futter abnahm. Die Wohnungshaltung ermöglichte auch, sehr wertvolle und auch empfindlichere oder gesundheitlich anfällige Tiere zu halten. Mittlerweile sind etwa siebzig Katzenrassen von den großen Zuchtverbänden anerkannt. Viele weitere sind noch im Anerkennungsverfahren oder davor.

Das Gutachten zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes (Verbot von Qualzüchtungen, BMEL 1999) listet 15 Katzenrassen mit insgesamt acht Merkmalen als Qualzuchten auf. Die Beschreibung einiger Merkmale, des Vorkommens und der damit verbundenen und tierschutzrelevanten Symptome sind dem Gutachten entnommen und unten verkürzt und auch verändert wiedergegeben.

Liste von Qualzuchtmerkmale bei Katzenrassen

Kurzschwänzigkeit bzw. Schwanzlosigkeit  

Unterschiedlich ausgeprägte Verkürzung der Schwanzwirbelsäule gibt es bei verschiedenen Rassezuchten. Es werden Katzen mit verkürzten oder mit Stummelschwänze, sowie völlig schwanzlose Katzen gezüchtet.

Vorkommen: Kurzschwänzige bzw. schwanzlose Tiere treten sporadisch in allen Katzenpopulationen, vor allem aber gewünscht bei den Rassen Manx, Cymric, Japanese Bobtail und Kurilen Bobtail auf. Manxkatzen haben häufig Wirbelmissbildungen. Das Ausmaß der Defekte, deren Auswirkungen vor allem im Bereich der Hinterhand zu erwarten sind, ist an die Schwanzlänge gekoppelt. Defekte im Bereich des Beckens und des Rückenmarks, mit neurologischen Ausfallserscheinungen sowie Schädigungen des Enddarms und andere Symptome sind zu erwarten. Der Schwanz ist für die Katze ein wichtiges Körperteil für die artgerechte Fortbewegung (balancieren beim Laufen, Springen und Klettern) und ist auch ein Kommunikationsmittel der Katzen in der innerartlichen Kommunikation (Steilstellung, Wedeln, Haaresträuben etc.). Bei kurzschwänzigen und schwanzlosen Katzen ist mit deutlichen Störungen der Bewegungsabläufe zu rechnen. Bei Manxkatzen ist das Absterben der Embryonen möglich.

Empfehlung: Ein Zuchtverbot für die Rassen Manx und Cymric wird ausgesprochen. Für andere Rassen sollen die Zuchtverbände tierärztliche Überprüfungen der Tiere vornehmen, bevor diese in der Zucht verwendet werden.

Brachyzephalie (Kurzköpfigkeit)

Großer, rundlicher Kopf mit kurzer, breiter Nase und ausgeprägtem Stop (Winkel Stirn-Nasenrücken). Als Extrem ist eine Stupsnase ausgebildet, bei welcher der obere Rand des Nasenspiegels deutlich höher liegt als das Niveau der unteren Augenlider.

Vorkommen: Kurzköpfigkeit ist Zuchtziel vor allem bei Perserkatzen (extrem der Peke-face Typ) und Exotic Shorthair. Bei allen Rassen mit dem Zuchtziel „Kurzköpfigkeit“ können Neigung zu Schwergeburten, gesteigerte Totgeburtenrate, Verkürzung des Oberkiefers, Verengung der oberen Atemwege (Nasenstenose, Veränderung der Nasenscheidewand u. a.) sowie Verengung der Tränennasenkanäle auftreten.

Empfehlung: Zuchtverbot für extrem kurznasige Tiere, bei denen der obere Rand des Nasenspiegels über dem unteren Augenlidrand liegt.

Anomalien des äußeren Ohres

Die Ohrmuscheln sind nach vorne (Kippohr) oder nach hinten (Faltohr) abgeknickt.

Schottische Faltohrkatze
Schottische Faltohrkatze/ Scottish Fold mit Kippohren.

Vorkommen: Nach vorne gerichtete Kippohren treten sporadisch und insbesondere bei den Rassen Scottish Fold, Highland Fold, Pudelkatze u.a. auf.  Die für Hänge- und Kippohren verantwortliche genetische Ausstattung kann auch zu Schäden an Knochen und Gelenken führen, so dass es zu Gelenksdeformationen und daraus resultierend zu schmerzhaften Bewegungsstörungen kommen kann. Ohren dienen der Katze auch als Signalgeber und haben eine Funktion bei sozialer innerartlicher Kommunikation. Diese Funktion aber ist bei abgeknickten Ohrmuscheln eingeschränkt.

Empfehlung: Das Gutachten empfiehlt Zuchtverbot für Linien, die auf Grund der Genetik auch Knochen- und Knorpelschäden entwickeln können.

Polydaktylie (Vielfingerigkeit)

Die Pfoten weisen überzählige Zehen (> 5 Zehen) vorwiegend an den Vorderextremitäten auf. Auch die Hinterpfoten können betroffen sein.

Vorkommen: Bei dieser Form der Mutation handelt es sich um einen Defekt, der sporadisch bei allen Rassen auftreten kann. Er tritt gehäuft bei der Rasse Maine Coon auf und wird bei der amerikanischen Rasse „Superscratcher“ gezielt gezüchtet.

Empfehlung: Das Gutachten empfiehlt ein Zuchtverbot für Merkmalträger.

Farbaufhellungen des Felles und der Iris, Taubheit

Die Farbe des Fells ist aufgehellt bis weiß, die Augenfarbe ist häufig blau, kann aber auch grün bis kupferfarben sein bzw. die Tiere haben ein blaues und ein andersfarbenes Auge (Iris-Heterochromie bzw. „odd-eyed“).

Vorkommen: Rein weiße bzw. überwiegend weiß gescheckte Tiere gibt es häufig bei folgenden Rassen: Türkische Angora, Perserkatzen,  Foreign White, Russian White und Van-Katze. Häufig wird gleichzeitig auf eine bestimmte Augenfarbe – blau, orange bis kupferfarben oder heterochrom – gezüchtet. Bei rein weißen Katzen, deren Fellfarbe durch das Farbgen ‚W‘ bestimmt ist, treten Schwerhörigkeit oder Taubheit in unterschiedlicher Ausprägung auf. Vor allem weiße Tiere mit blauen Augen sind betroffen, aber auch ca. 7 % der gelbäugigen Tiere. Ebenfalls mit dem Farbgen ‚W‘ können Schäden am Auge einhergehen, die den betroffenen Katzen vor allem in der Dämmerung und in der Nacht Probleme bereiten. Die Schwerhörigkeit/Taubheit wird durch Fehlentwicklungen der Hörorgane bedingt. Die Wahrnehmung von Lauten ist für das Sozialverhalten und für das Beutefangverhalten von ausschlaggebender Bedeutung. Taube Katzen können eventuelle Drohlaute von Artgenossen nicht wahrnehmen, können das Fiepen und Schnurren ihrer Welpen nicht hören und die akustische Wahrnehmung der Beute ist unmöglich.

Empfehlung: Das Gutachten spricht sich für ein Verbot der Züchtung von Katzen aus, bei denen die Färbung auf das Farbgen ‚W‘ zurückgeht. Zudem müssen alle weißen Katzen bevor sie in der Zucht Verwendung finden audiometrisch und ophthalmologisch geprüft werden. Eine Weiterzucht von Katzen mit Hör- oder Sehschäden ist untersagt.

Anmerkung: Hier kam der §11b (in der alten Fassung)  zur Anwendung. Eine Züchterin aus Hessen hatte weiße, taube Perserkatzen gezüchtet und wurde von einem aufmerksamen Veterinär angezeigt. Das Amtsgericht Kassel verurteilte sie wegen einer vorsätzlichen Qualzucht zu 500 Mark Geldbuße (Wegener 1994, Quelle: 626 Js 11179.8/93; NStE Nr.1 zu § 11b TierSchG.).

Chondrodysplasie

Disproportionierter Zwergenwuchs mit Verkürzung der langen Röhrenknochen und damit Verkürzung der Gliedmaßen.

Vorkommen: Die „Kurzläufigkeit“ tritt bei Katzen bislang nur vereinzelt auf. Nur bei der Munchkin (Dackelkatze) wird gezielt auf dieses Merkmal gezüchtet. Infolge von vermindertem Längenwachstum der langen Röhrenknochen sind die Gliedmaßen deutlich verkürzt. Durch die verkürzten Gliedmaßen sind die Körperproportionen so verändert, dass die Tiere in ihren artspezifischen Bewegungsabläufen eingeschränkt sind. Mit weiteren Schäden wie Bandscheibenveränderungen muss gerechnet werden.

Empfehlung: Ein Verbot zur Zucht mit den Merkmalsträgern wird ausgesprochen.

Anmerkung: Ende der 90er Jahre kam aus Amerika eine weitere Katzenrasse mit verkürzten Beinen auf den Markt: die Kängurukatze. Ihr ist durch verkürzte Vorderextremität nur eine hoppelnde Fortbewegung möglich.

Anomalien/Abweichungen des Haarkleides

Gestörtes Haarwachstum bis hin zur völligen Haarlosigkeit. Verkürzung bzw. Fehlen der Tasthaare.

Nahezu haarlose Sphynx-Katze.
Fast haarlose Sphynx-Katze. Foto: Andrea Izzotti, AdobeStock

Vorkommen: Die gezielte Zucht auf Anomalien des Haarkleides erfolgt bei den Rexkatzen (Devon-, Cornish-, German Rex u. a.) und „Hairless“-Katzen wie der Sphinx (Canadien und Don Sphinx). Von gänzlicher oder partieller Haarlosigkeit, oder gekräuselten Körperhaaren betroffene Katzen besitzen keine funktionsfähigen Vibrissen am Kopf oder am Körper. Da Tasthaare ein wesentliches Sinnesorgan für die Katze sind, ist ihr Fehlen oder ihre zur Funktionslosigkeit führende Umgestaltung als Qualzuchtmerkmal zu werten. Ihnen kommt vor allem im Dunkeln zur Orientierung Bedeutung bei, aber auch beim Fangen und Abtasten der Beute, beim Untersuchen von Gegenständen und bei der Aufnahme sozialer Kontakte.

Empfehlung: Empfehlung ist das Zuchtverbot für Katzen, bei denen die Tasthaare fehlen.

Anmerkung: Mittlerweile gibt es weitere Züchtungen (zum Teil noch nicht international als Rasse anerkannt) mit Abweichungen des Haut- und Haarkleides sowie anderer prinzipiell schädlicher Merkmale: u.a. die Peterbald, die Bambinokatze, die Ukrainische Levkoy, Dwelf, Kohona, Elfenkatze, Minskin und die Lykoi.

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Quellen:

BMEL (1999): Gutachten zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes (Verbot von Qualzüchtungen). http://www.bmel.de/cae/servlet/contentblob/631716/publicationFile/35840/Qualzucht.pdf.

Driscoll, C.A., Menotti-Raymond,M., Roca, A.L., Hupe, K., Johnson, W.E., Geffen, E., Harley, E., Delibes, M., Pontier, D., Kitchener, A.C., Yamaguchi, N., O’Brien, S.J., Macdonald, D. (2007):

The Near Eastern Origin of Cat Domestication. http://www.sciencexpress.org / 28 June 2007 / Page 4 / 10.1126/science.1139518.

Ketring, K.L. : What do Animals really see?, DVM DACVO. All Animal Eye Clinic. Whitehall, MI 49461; http://c.ymcdn.com/sites/www.michvma.org/resource/resmgr/mvc_proceedings_2014/ketring_03.pdf).

Rauschecker, J.P. (1995): Compensatory plasticity and sensory substitution in the cerebral cortex. Trends Neurosci.;18(1):36-43.

TierSchG (2006): Tierschutzgesetz in der Fassung der Bekanntmachung vom 18. Mai 2006 (BGBl. I S. 1206, 1313), das zuletzt durch Artikel 141 des Gesetzes vom 29. März 2017 (BGBl. I S. 626) geändert worden ist. https://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/tierschg/gesamt.pdf.

Wegener, W. 1994:  Defektzucht bei Katzen – Ein aktuelles, prinzipiell wichtiges Urteil. Katzen Magazin 14, (3) 64-65, RORO-Press Verlag AG, Zürich.

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