Wie groß ist die Gefahr, sich bei Stadttauben mit Krankheiten anzustecken?

Über eine Reihe von Krankheitserregern und Parasiten bei Tauben heißt es, sie würden eine Gefahr für Menschen darstellen, da sie von Tauben auf den Menschen übertragen werden könnten. So wird  es zum Beispiel auf den Internetseiten von  Firmen behauptet, die ihre Dienste in der Taubenabwehr/ -entsorgung und professionellen Taubenkotreinigung anbieten. Eine Studie zur Gefährdungseinstufung von Stadttauben („Gefährdungseinstufung der Stadttauben? Überprüfung aktueller Aussagen aus dem Internet auf ihren Wahrheitsgehalt“.  Mirja Kneidl-Fenske, Tierärztin und Michaela Dämmrich, Landesbeauftragte für den Tierschutz in Niedersachsen. Stand 29. Juli 2017.) hat nun sechzehn der angegebenen Zoonosen hinsichtlich der  tatsächlichen Gefahr  einer Übertragung auf den Menschen hinterfragt. Das Ergebnis der Studie kommt nicht so überraschend für alle, die sich mit klarem Kopf mit ihren Mitgeschöpfen beschäftigen: Wir müssen keine Angst  vor Tauben haben! Sie tun uns nichts!  Der Tierarzt Jens Hübel aus Leipzig zieht aus dem Ergebnis der Untersuchung das Fazit:  „Die Darstellung auf der Homepage von Schädlingsbekämpfern und Vergrämungsfirmen sind als völlig überzogen zu betrachten. Hier wird Panik geschürt und den Leserinnen und Lesern durch Fehlinformationen suggeriert, dass Tauben eine Vielzahl an lebensbedrohlichen Erkrankungen übertragen würden.“

Die Angst vor Krankheiten ist ein Hauptgrund für den Abscheu, mit dem so viele Menschen auf den Anblick der verzweifelt nach Futter suchenden Tauben in unseren Straßen reagieren. Tatsächlich werden wir ja immer wieder in Presse und im Internet darauf hingewiesen, dass von den Stadttauben eine große Gesundheitsgefahr für uns ausgehen würde. Leider sind viele unserer Mitmenschen nur zu schnell bereit, an die große Gesundheitsgefahr durch Stadttauben zu glauben. Angst vor Ansteckung ist oft der Grund, warum verletzten Tauben nicht geholfen wird, Küken in Mülltonnen entsorgt oder totgetreten werden oder ganz offen gesagt wird: die müsste man doch alle vergiften.

Wie schätzen die Behörden das Risiko einer Infektion durch Tauben ein?

Den Ekel und die Angst vor Tauben sollte es nicht geben müssen. Denn seit über zwanzig Jahren ist amtlich nachgewiesen und im Merkblatt des Bundesgesundheitsamtes vom April 1994 nachzulesen: „Das Risiko einer menschlichen Infektion durch Kontakt mit freilebenden Tauben ist im Allgemeinen nicht höher einzustufen als das Risiko einer Infektion durch den Kontakt mit Zuchttauben, Heim- oder Ziervögeln“. Vier Jahre später kommt das Bundesinstituts für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin in seiner Stellungnahme zur Schädlingseigenschaft von verwilderten Haustauben zu dem Ergebnis: „Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die 1966 erfolgte Einschätzung der verwilderten Haustaube als obligatorischer Gesundheitsschädling seitens des Bundesgesundheitsrates aus unserer Sicht heute nicht mehr stichhaltig ist (und in dieser verallgemeinerten Form in späteren Voten auch nicht mehr aufrechterhalten wurde)“ (Stellungnahme des BgVV vom 26.02.1998; http://www.heynkes.de/isa/Tauben/taub.htm).

Warum aber reicht die Entwarnung  der Behörde nicht aus, um den Städtern den Abscheu vor den Stadttauben zu nehmen? Abscheu, Ekel und sogar Hass auf Tauben sind der Boden dafür, dass  tierschutzwidrige Maßnahmen zur Populationskontrolle wie das Taubenfütterverbot  und  grausame Vergrämungsmittel  gebilligt und sogar gefordert werden.

Wenn sie Glück haben, dürfen sie ungestört essen.

Warum werden Stadttauben noch immer als Gesundheitsgefahr angesehen?

Leider sind die Stimmen derer, die eine Gefahr in den Stadttauben sehen wollen, greller und viel präsenter, als die Mitteilungen der Behörden.  Sätze wie: „Stadttauben stellen ein beträchtliches Gesundheitsrisiko für den Menschen dar und können über 100 humanpathogene Infektionskrankheiten übertragen“ finden wir so oder ähnlich formuliert in der Presse und im Internet. Die angebliche Basis für diese furchterregenden Statements liefern Artikel, die eine hohe  Zahl  verschiedener Erkrankungen inklusive Parasiten nennen, mit denen uns Stadttauben anstecken könnten. So warnt 2012 Daniel Haag-Wackernagel, Professor an der Universität Basel: „Bis heute wurden in Straßentaubenpopulationen 111 Krankheitserreger gefunden, die auch beim Menschen eine Erkrankung auslösen können“ (in: Unerwünschte Gäste. Die Straßentaube – ein Blick hinter die Kulissen. Anatomisches Museum Basel. S.18).

Es sind diese Aussagen, die weiterverbreitet werden – und dann wohl auch wider besseren Wissens, denn der Autor selbst relativiert seine Warnung vor den 111 Krankheitserregern bereits im nächsten Satz: „Davon wurden aber nur acht tatsächlich übertragen“. Derselbe Autor kommt zu dem Schluss: „In der Bevölkerung herrscht eine oft irreale Angst vor Krankheitsübertragungen durch Tauben, die von gewissen Interessensgruppen zusätzlich geschürt wird“ (Haag-Wackernagel 2006: Gesundheitsgefährdung durch die Straßentaube Columbia livia. Amtstierärztlicher Dienst und Lebensmittelkontrolle. 13 Jhrg.-4. S. 262).

Sechzehn Krankheitserreger auf dem Prüfstand

Wie sieht es nun aus mit den auf einschlägigen Firmenseiten aufgeführten Krankheitserregern und der Behauptung, bei Kontakt mit Tauben bestünde eine Gefahr für unsere Gesundheit?

Für jede einzelne der sechzehn Behauptungen wurden in der Studie von Mirja Kneidl-Fenske und Michaela Dämmrich neue Erkenntnisse ausgewertet und der Wahrheitsgehalt aller dieser Behauptung überprüft. Alle Behauptungen konnten als schlichtweg falsch oder übertrieben entlarvt werden.

So müssen Tauben beispielsweise immer noch als gefährliche Infektionsquelle für die Vogelgrippe herhalten. Dabei wurde bereits 2015 vom Friedrich-Löffler-Institut nachgewiesen, dass Tauben eine hohe Resistenz gegen das gefürchtete Vogelgrippevirus und im Infektionsfall eine sehr geringe Virusausscheidung haben.   Auch für die früher so gefürchtete Papageienkrankheit (Ornithose)  kann die Studie aufzeigen, wie groß die  Gefahr durch Tauben tatsächlich ist: nämlich maßlos übertrieben. Laut Aussage des Robert-Koch-Instituts in Berlin gab es im Zeitraum von zehn Jahren ganze zwei Fälle von Ornithose-Erkrankungen, für die tatsächlich die Übertragung durch den Kontakt mit Tauben nachgewiesen wurde.

Vorsicht ist gut, Panik ist unnötig

Selbstverständlich ist jeder Krankheitsfall  ernst zu nehmen und jeder mögliche Verbreitungs-

Angst vor ihnen darf kein Grund sein, ihr Leid zu ignorieren.

weg einer Zoonose muss überprüft werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns bei den Stadttauben mit einer Krankheit anstecken, ist aber nun eben wirklich äußerst gering.

Also: Bitte keine Panik, wenn der Weg das nächste Mal durch den hungrigen Taubenschwarm führt!

Alle Tiere brauchen unsere Rücksichtnahme und Fürsorge. Das bedeutet auch ihre Duldung in unserer Nähe und da kann der

physische Kontakt mit ihnen oft nicht ausbleiben.  Für den nahen Umgang mit Tieren und ihren Hinterlassenschaften – Niststätten und Kot – ist selbstverständlich immer das richtige Maß an Vorsicht und Hygiene geboten. Das gilt für den Umgang mit den auf der Straße lebenden Haustieren wie Stadttauben und Katzen genauso wie  für den Umgang mit unseren Heimtieren und natürlich auch mit Wildtieren.

Tierschutz im Stadttaubenmanagement

Es ist deutlich, dass mehr und bessere Aufklärung benötigt wird, um das Image der Stadttaube zu verbessern und den Menschen einen unbesorgten Umgang mit ihnen zu ermöglichen.  Die neue Studie zum Wahrheitsgehalt der Behauptungen auf den Seiten der Schädlingsbekämpfer und Vergrämungsfirmen ist ein guter Schritt in diese Richtung und sollte geteilt und vielen Menschen zugänglich gemacht werden.

Ein weiterer wichtiger Schritt ist die tierschutzgerechte Kontrolle der Stadttaubenpopulationen. Hier bieten betreute Taubenhäuser die beste Lösung für Tauben und Mensch. In den Taubenschlägen können die Tiere versorgt und medizinisch betreut werden, durch die Kontrolle der Brut schrumpft die lokale Population und  die hungrigen Schwärme verschwinden nach und nach aus dem Stadtbild.

Die Erna-Graff-Stiftung informiert und setzt sich aktiv für Straßentauben ein. Mit der Errichtung zweier Taubenhäuser in Berlin wird sich die Erna-Graff-Stiftung an der tierschutzfreundlichen Lösung des Berliner Taubenproblems beteiligen. Für die Umsetzung unserer Taubenschutzprojekte sind wir aber auf Spenden angewiesen.

Text: A. Nietsch 08/17

Kommentare

Jennifer Dycks schreibt () :

Danke!

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Vera Fauner schreibt () :

ja, es kann gar nicht oft genug tendenziösen Falschmeldungen widersprochen werden .

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Melanie schreibt () :

Vielen Dank für diesen ausführlichen und aufklärenden Bericht

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