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Qualzucht bei der Englischen Bulldogge

Die Englische Bulldogge muss wohl neben dem Mops als die gequälteste Rasse unter den Hunden gelten. Viele der hier nun aufgeführten Qualmerkmale betreffen nicht nur die Englische Bulldogge.

Der Bulldog (Englische Bulldogge)

Der Name Bulldog leitet sich ab aus der Aufgabe, für die dieser Arbeitshund bereits im Mittelalter eingesetzt wurde: dem Hüten und Treiben von Rinderherden. Seit dem frühen Mittelalter wurde der Bulldog auch bei Tierkämpfen auf den britischen Inseln eingesetzt. Mit dem Verbot von Tierkämpfen durch die Cruelty to Animals Act 1835 wurde der Bulldog in Britannien gewissermaßen arbeitslos. Jetzt machte er Karriere als Begleithund und kann als die erste Hunderasse gelten, die zu diesem Zweck kommerziell gezüchtet wird. 1865 wurde der Rassestandard für ihn veröffentlicht. Die Zucht der Bulldogs wurde schnell zu einem äußerst lukrativem Geschäft. Für den Super Champion Rodney Stone wurden 1901 1.000 Pfund Sterling gezahlt, umgerechnet entspricht das einer heutigen Kaufkraft von mehr als 100.000 Euro. In der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts, besonders seit etwa 1975, verschärfte sich schließlich das Problem der Übertypisierung, der Extremzuchten bis hin zu Qualzucht und die damit verbundenen existenziellen gesundheitlichen Probleme beim Bulldog.

Die Liste der Qualzuchtmerkmale bei den modernen Bulldogs ist lang. Die Zucht auf extreme Kurzköpfigkeit führt zu einem ganzen Komplex von Merkmalen, die als brachyzephales Syndrom bezeichnet werden. In diesem Merkmalskomplex sind folgende Organe und Organstrukturen am Hundekopf betroffen:

  • Naseneingang: Verengung der Nasenlöcher (Nares) und des Nasenvorhofs, verursacht durch den „inneren“ Teil des Nasenflügels
  • Nasenhöhle: Verschließung der Nasengänge durch hypertrophische und dysplastische Konchen (Nasenmuscheln) und durch rostral aberrant wachsende Konchen (& RAC)
  • Nasenausgang: Verschließung durch kaudal aberrant wachsende Konchen (CAC)
  • Nasenrachen: Überlänge und massive Dickenzunahme des weichen Gaumens und erhöhte Kollapsibilität des Nasenrachens
  • Kehlkopf: Kollaps infolge Laryngomalazie (mangelnde Festigkeit des Kehlkopfes, z.B. Mops)

Zu den Verengungen der anatomischen Strukturen, die für die Atmung benötigt werden kommen weitere Umbildungen im Weichteilgewebe, die den Innenraum zusätzlich einschränken. Übermäßiges Wachstum des Mandelgewebes und der Zunge können als zusätzliches Gewebevolumen in den Nasenrachen hineindrängen. Die ständige Atemnot führt zu Sauerstoffmangel und Verlust der Kondition. Das nötige, verstärkte‘ Einsaugen der Atemluft führt zu weiteren Problemen. Die Schleimhäute verdicken sich durch die ständige Reizung und blockieren noch zusätzlich den Weg der Atemluft. Der Unterdruck im Brustkorb führt zu Problemen mit Speiseröhre und Magen und äußert sich in vermehrtem Erbrechen und Würgen. Wenn zu diesen Merkmalen noch eine übermäßige Faltenbildung am Kopf und im Gesicht hinzu kommt, kann die starke Hautfaltung an und über der Nase zusätzlich die Atemwege verstellen. Die tiefen Hautfalten sind darüber hinaus auch Infektions- und Entzündungsanfällig. Erstaunlicherweise finden viele Halter von so betroffenen Bulldoggen die Atemgeräusche, das Schnarchen und Keuchen charmant und lustig. Diese Geräusche zusammen mit dem Runden Kopf, dem flachen Gesicht und dem fast immer geöffnetem Maul mit in die Breite gezogenen Lefzen (stark hechelnd) lassen den Hund in ihren Augen freundlich, lachend, menschlich erscheinen.

Zu der erschwerten Sauerstoffversorgung kommt die Erschwerung der Thermoregulation durch die Verkleinerung der Nasenhöhle mit ihren Schleimhäuten. Bei körperlicher Anstrengung, Aufregung oder auch bei warmen Außentemperaturen kann die entstehende Körperwärme nicht in ausreichendem Maße durch Verdunstungskälte an den Schleimhäuten abgeführt werden. Dies bewirkt einen Anstieg der inneren Körpertemperatur und kann zu Kollaps und Tod durch Überhitzung führen.

Mit der Brachyzephalie gehen Deformationen am Kiefer und Zahnapparat einher, die eine artgemäße Funktion der Nahrungsaufnahme, der Körperpflege oder der Versorgung der Welpen (Abnabeln) stark beeinträchtigt. Brachygnathia superior ist die skeletale Verkürzung des Oberkiefers. Die Zähne können für den Kiefer zu groß sein und es kommt zu Fehlstellungen mit Zahnlockerungen und Entzündungen. Der Unterkiefer steht weit vor dem Oberkiefer (‚Vorbiss‘), so dass die unteren Zähne und Schleimhäute auch bei geschlossenem Maul nicht bedeckt sind. Hier kommt es auch zu Zahnfehlstellungen beispielsweise der Canini (Fangzähne).

Oechtering (2013) führt folgende Zahlen aus einer Umfrage von Haltern extrem brachyzephaler Hunde an:

  • 56 % der Hundebesitzer gaben an, dass ihr Hund Atemprobleme beim Schlafen hat
  • 24 % der Hunde versuchen im Sitzen zu schlafen, weil sie sonst keine Luft bekommen
  • 11 % haben Erstickungsanfälle im Schlaf
  • 77 % haben Probleme beim Fressen
  • 46 % erbrechen oder regurgitieren mehr als einmal am Tag
  • 36 % sind schon einmal vor Atemnot umgefallen, die Hälfte davon hat das Bewusstsein verloren

Die qualzuchtbedingte Schädigung des gesamten Atemapparates und die Schädigung der Fähigkeit zur effektiven Thermoregulation sind nicht die einzigen Probleme der qualgezüchteten Bulldogs. Sie leiden durch züchterische Übertreibungen auch unter der Deformation des gesamten Gebäudes und des Bewegungsapparates. Bulldogs werden mit extrem breiten Brustkörben und kurzen, weitgestellten Vorderläufen gewünscht. Die hinteren Extremitäten können steil gestellt und deutlich länger sein als die vorderen, der Rücken ist nicht gerade, sondern senkt sich kurz hinter den Schultern ein, dafür ist die Kruppe hoch und ein extremer , Roach Back‘ (Karpfenrücken) kann ausgebildet sein. Deformation der Hüftgelenke und Probleme mit anderen Gelenken können Folgeerscheinungen sein.

Englische Bulldogge mit Ball.
Englische Bulldogge.

Eng verdrehte Korkenzieherschwänze kommen bei englischen Bulldoggen (auch bei Französischen Bulldoggen) vor. Sie gehen einher mit Missbildungen an weiteren Abschnitten der Wirbelsäule (Block-, Schmetterlings- und Keilwirbelbildungen) und können zu Rückenmarksbeeinträchtigungen mit Störungen der Lokomotion der Hintergliedmaßen bis zu Paralysen sowie Harn- und Kot-Inkontinenz führen (s.o. Gutachten). Hunde mit eng verdrehten Schwänzen können an Entzündungen in den Hautfalten leiden.

Englische Bulldoggen im Extremtyp sind für eine normale Fortpflanzung nicht mehr geeignet. Das hohe Gewicht bei eher geringer Körpergröße und die Körperproportionen erschweren den Deckakt  für Rüden. Menschliche Hilfestellung dabei, aber auch Absamung und künstliche Befruchtung der Hündin sind hier notwendig.

Ebenfalls erschwert ist die Geburt bei brachyzephalen Rassen, aber besonders bei English Bulldogs. Welpen aus Linien mit extrem großen Köpfen und breitem Brustkorb können nicht mehr normal vom Muttertier zur Welt gebracht werden. Sie würden mit den Köpfen im Geburtskanal steckenbleiben und müssen daher mit Kaiserschnitt geholt werden. Eine Studie von 2010 gibt an, dass über 80 % der Würfe per Kaiserschnitt geboren werden müssen (Evans & Adams 2010). Zuchthündinnen werden den lebensbedrohlichen Gefahren einer natürlichen Geburt oder dieser Operation mit den nachfolgenden Problemen in der Versorgung der Welpen mehrmals in ihrem Leben ausgesetzt.

Wenn auch nicht jede Englische Bulldogge im gleichen Ausmaß an den Symptomen leiden muss, die ihrer Rasse die zuchtbedingten Schäden am Körper beschert, ist ihnen im Durchschnitt kein langes (und schon gar kein gesundes) Leben gegeben. Eine englische Untersuchung zur Todesursache von 180 Hunden kommt auf eine durchschnittliche Lebenserwartung von 6 Jahren und 3 Monaten.

Qualmerkmale zurückzüchten?

Der frühe Typ der Englischen Bulldogge hätte nicht zur Arbeit und zu Kämpfen eingesetzt werden können, wären diese Hunde nicht fit gewesen. Sie sahen anders aus als heute. Kann man dahin zurück? Es wäre ein langer Weg, an dem Züchter und Zuchtverbände und Hundekäufer mitwirken müssen. Denn es müsste der Rassestandard überall auf der Welt verbindlich verändert werden und es müsste dafür gesorgt werden, dass wirklich nur gesunde Hunde auf den Hundeschauen der Verbände vorgestellt, prämiert und für die Zucht zugelassen werden können. Hundezucht ist allerdings ein Riesengeschäft. Ein Zuchtverbot für ein auf der letzten Schau prämiertes Tier wäre eine finanzielle Einbuße für den Züchter. Ein Englischer Bulldogwelpe von prämierten Eltern kann, krank gezüchtet wie er ist, beim Züchter weit über 1.500 Euro kosten. Auch die Dienste ihres Deckrüden lassen Züchter sich mit mehreren hundert Euro vergüten. Die Probleme einer Wegzüchtung der Qualzucht liegen beim Bulldog leider auch in der Genetik selbst begründet. Eine Studie an Englischen Bulldogs kam zu dem Ergebnis, dass in dieser Rasse eine extrem kleine genetische Diversität vorliegt (Pedersen et. al. 2016). Eine kleine Gründerpopulation und ein künstlich verursachter ‚Bottleneck‘ können die Ursachen sein. Zwar bestehen noch einige phänotypische und genotypische Diversitäten in der Rasse, aber es muss bezweifelt werden, ob mit diesem genetischen Material auf Gesundheitsverbesserung und Ausmerzung von Qualzuchtmerkmalen rückgezüchtet werden kann, OHNE die genetische Diversität noch weiter zu verkleinern (Pedersen et al. 2016).

Für Englische Bulldoggen, aber auch für alle anderen Rassen mit erblich bedingten Qualzuchtmerkmalen gilt, dass jede Zucht, die das Ziel hat, ein (nunmehr) unerwünschtes Merkmal auszumerzen, unter Umständen über mehrere Generationen hinweg brauchen wird, bis die betreffenden Gene völlig aus dem Genpool verschwunden sind. Eine große Zahl von Individuen würde großgezogen werden, die noch ebenso leiden müssen wie die Vorgängergenerationen.

Auch das Einkreuzen einer anderen, gesunden Rasse könnte eine Lösung sein. Dann wäre der Bulldog aber kein Bulldog mehr, sondern ‚nur‘ noch ein Mischling und dagegen wehren sich viele Züchter und die Zuchtverbände. Seit mehreren Jahrzehnten wird die Olde Englisch Bulldogge im Typus der Bulldogge Anfang des 19. Jahrunderts gezüchtet. Diese Rasse wurde in Amerika aus Kreuzung von English Bulldog mit Bullmastiff, American Bulldog und American Pit Bull Terrier geschaffen. Als Rasse wird sie von den großen Verbänden aber nicht anerkannt.  Halter und Züchter dieser Rasse haben zudem das Problem, dass sie sich immer wieder gegen die Einordnung der Rasse als ‚Listenhund‘ wehren müssen.

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