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Tierschutzerziehung

Tierschutzerziehung ist ein besonders wichtiger Bereich des vorbeugenden —> Tierschutzes; vgl. hierzu auch —> Moral und Recht.

Wenn wir uns darum bemühen, Kinder durch Erziehung und Vorbild für einen verständnisvollen und fürsorglichen Umgang mit Tieren zu gewinnen, dann tun wir es meist aus einer persönlichen Einstellung, die ihrerseits aus Liebe zu den Mitgeschöpfen und entsprechenden ethischen Vorstellungen entstanden ist. Es lassen sich aber auch objektive pädagogische Gründe für eine solche Erziehung nennen: Die Notwendigkeit der Erziehung zur —> Humanität.

In der Pädagogik ist von Humanität meist nur in Zusammenhang mit der Forderung nach der humanen Schule die Rede. Die so geforderte Humanität bleibt aber so lange unvollständig und inkonsequent, als wir darauf verzichten, auch die Kinder für mehr Humanität zu gewinnen und entsprechendes Handeln mit ihnen zu üben. Vgl. hierzu auch —> Kinder und Tiere.
Gewiß, zuerst muß das Kind in seiner Hilfsbedürftigkeit unsere Menschlichkeit erfahren und bleibt — solange seine Unterlegenheit andauert — auch darauf angewiesen. Aber wir wollen, daß es auch seinerseits lernt, Menschlichkeit zu üben, sobald es selbst einmal in die Lage des Überlegenen kommt. Daß diese Menschlichkeit im Kinde nicht von allein entsteht, sondern als mehr oder weniger stark vorhandene Anlage des Sozialverhaltens einer ständigen Pflege und Förderung bedarf, das wissen wir aus dem Umgang von Kindern mit ihren jüngeren Geschwistern oder Spielkameraden: diese werden nämlich nicht als Hilfsbedürftige, sondern meistens als Rivalen um die Gunst der Erwachsenen betrachtet und dementsprechend behandelt. Das Kind lernt und übt also ganz ohne unser Zutun, seine gelegentliche Überlegenheit auszuspielen und daran Gefallen zu finden. Es lernt auf diese Weise, daß und wie man sich für seine häufige Unterlegenheit Entlastung verschafft: indem man sich Partner sucht, die noch schwächer sind als man selbst und denen gegenüber man aus der Position der Überlegenheit und Stärke auftreten kann.

Um vieles früher, als wir ahnen, lernt das Kind, sich nach der „Radfahrerregel” zu verhalten: nach unten zu treten. Ja, im Kinde sind auch negative Verhaltensdispositionen angelegt, nicht nur liebende Zuwendung und Fürsorglichkeit, sondern eben auch die Neigung, andere zu beherrschen, zu demütigen und im Extremfall auch zu quälen. Georg Siegmund (1985, S. 273) hat wohl recht, wenn er schreibt: „Umgang mit Tieren weckt im Kinde nicht nur edle Antriebe, sondern auch die dämo- nische Lust, seine Herrschaft über das wehrlose Tier zu erproben. Eben das Tier, das sich in arglosem Vertrauen dem Menschen anbietet, vermag schon im Kinde das Gelüste wachzurufen, die herrscherliche Stellung des Menschen zu sadistischen Quälereien zu mißbrauchen.”

Auch die Entwicklungspsychologie geht davon aus, daß Kinder und Jugendliche Phasen durchlaufen, in welchen die Gefahr des Abgleitens in Gefühlsverrohung und eine unheimliche Freude an quälerischen Spielen besteht. Adolf Busemann (1965a, S. 213) zählt „kindliche Grausamkeit” zu den Schattenseiten der Kindesnatur. In diese Gefahrenzone gerät offenbar jedes Kind. Sogar Albert Schweitzer berichtet in seinen Kindheitserinnerungen (Aus meiner Kindheit und Jugend, Ges. Werke Bd. 1) mehrfach über Erlebnisse, wo er der Versuchung, sich als „Tierbändiger” aufzuspielen, erlegen ist.

Nicht immer sind die aus dem unruhigen Gewissen entstehenden Abwehrkräfte stark genug, und Eltern sollten hier immer wieder helfend zur Seite stehen. Eben weil Kinder in ihren jüngeren Geschwistern oder Freunden die Hilfsbedürftigkeit nicht erkennen, sondern deren Schwächezeichen als Rivalitätsverhalten deuten (was ja gelegentlich auch zutreffen kann), muß man versuchen, ihre Motivation zur Fürsorglichkeit im Kontakt zu Partnern zu wecken, denen sie sich uneingeschränkt überlegen fühlen, und das sind insbesondere kleine Tiere, die sich weder zur Wehr setzen, noch durch Flucht in Sicherheit bringen können.

Dieser methodische Umweg über das Tier ist für das Kind insofern ein direkter Weg, als das Tier zunächst gar nicht als Wesen anderer Art, sondern als ein vielleicht etwas zu klein geratenes oder auch „verzaubertes” Mitkind empfunden wird. Für lange Zeit sind Teddybär und ähnliche Spielzeugtiere für das Kind ebenso fühlende Wesen wie es selbst. So unvernünftig es für Erwachsene auch sein mag: aktive Humanität übt das Kind im Regelfalle zuerst gegenüber seinem Spielzeugtier, und wir sollten die gefühls- und verhaltenprägende Funktion dieses Umgangs nicht übersehen, sondern sorgfältig pflegen.

Eine kritische Phase wird von den Kindern in der Vorpubertät durchlaufen, wenn die Bereitschaft zur aggressiven Infragestellung tradierter Ordnungen einsetzt, Geltungsstreben, Erwachsen- und doch Anders-sein-Wollen zu bald harmlosen, bald bösen Streichen oder provozierenden Mut- und Kraftakten führen. Die Emotionalität kann dann in ganz verschiedenen Richtungen verlaufen: von rührender Sensibilität bis hin zur brutalen Roheit. Die Bereitschaft, sich für gequälte Tiere leidenschaftlich und aggressiv einzusetzen, ist ebenso zu finden, wie umgekehrt die Quälerei von Tieren, deren Besitzer man ärgern oder für etwas „bestrafen” will. Jedenfalls erreichen die Fälle von jugendlicher -> Tierquälerei in dieser Phase ihren Höhepunkt; vgl. hierzu Adolf Busemann (1965b, S. 91 und 99).

Dieser Gedanke, daß die Inhumanität gegenüber dem Tier auch der Inhumanität im zwischenmenschlichen Bereich Vorschub leistet oder daß die Bewährung der Humanitas gegen die subhumane Welt sich auch als Humanisierung des zwischenmenschlichen Zusammenlebens auswirkt, ist eine alte pädagogische Einsicht. Schon Plutarch sagt: „Wir sollen die lebende Kreatur nicht behandeln wie Schuhe oder tote Haushaltsgegenstände, die wir fortwerfen, wenn wir sie nicht mehr brauchen können; und sei es auch nur, um Barmherzigkeit gegen die Menschheit zu lernen, sollen wir barmherzig gegen andere lebende Wesen sein. Was mich betrifft, so würde ich nicht einmal einen alten Ochsen verkaufen, der sich einmal für mich geplagt hat.” In diesem Sinne äußerst sich auch Thomas von Aquin: „Es ist doch klar, daß der Mensch, der gegen Tiere Mitleid hat, es auch um so mehr gegen Menschen hat; und darum wollte Gott, daß das jüdische Volk sich gewöhne an die –> Barmherzigkeit gegen die Tiere.” Christian G. Salzmann hat diesen Gedanken ins Pädagogische übersetzt, wenn er fordert, „daß ein Kind an der Pflege der Thiere lernen müsse, seinen Mitgeschöpfen Freude zu machen, damit es hernach auch geneigt sei, auch seinen Nebenmen- schen Gutes zu tun”. Zitat nach D. und R. Narr (1967, S. 294).

Unter diesem Aspekt ist auch die gelegentlich aufbrechende Rivalität zwischen Kinder- und Tierschutz unsinnig, und es ist sicher kein Zufall, daß der Gründer des deutschen Kinderschutzbundes, Prof. Dr. Fritz Lejeune, zugleich ein engagierter Tierschützer war. Dementsprechend schrieb er 1961: „Tierliebe ist die schöne Vorstufe der Nächstenliebe! So wird es selten oder nie vorkommen, daß ein echter Tierfreund, der von Jugend auf Bindung zu Tieren gefunden hat, später zum Menschen- oder gar Kinderschinder wird. In zahllosen Fällen von Kindesmißhand- lungen haben wir immer wieder feststellen können, daß die Übeltäter kein positives Verhältnis zu Tieren hatten, ja, gelegentlich sogar echte Tierhasser, manchmal sogar Tierquäler waren— sicherlich ein psychologisch recht wichtiges Faktum.”

Wenn Erziehung mit Tieren ihr humanes Ziel erreichen soll, darf sie bei der Liebe zum persönlichen Haustier nicht stehenbleiben. Wer nur sein eigenes Haustier liebt, gerät in die Gefahr, im Grunde nur sich selbst zu lieben. Darum legte Albert Schweitzer so großen Wert auf den liebevollen Umgang mit allen Lebewesen. Man muß lernen, das Leben auch in seinen unscheinbaren Formen zu achten und zu schützen. Wer es fertig bringt, Albert Schweitzers Vorbild zu folgen, den Regenwurm von der Straße und das Insekt aus dem Wassertümpel zu retten, fürchtet sich auch nicht mehr davor, als sentimental belächelt zu werden (Werke Bd. 2, S. 379),

Aber der Weg vom nachsichtigen Lächeln zum Lächerlich-Machen ist nicht weit. Wer Tieren hilft oder helfen will, kann oft in Schwierigkeiten mit anderen Menschen geraten, das gilt auch schon für Kinder und Jugendliche.

Konflikte mit brutalen Klassenkameraden oder auch anderen Jugendlichen sind oft so schwerwiegend, daß sie ohne Rückhalt bei Eltern und Lehrern nicht zu bewältigen sind. Oft will man auch gar nicht bewußt oder gezielt brutal sein, aber doch um keinen Preis ein „Außenseiter”, ein „Spielverderber” oder eben ein „Waschlappen”, dem gleich die Tränen kommen.

In den fünfziger Jahren gab es in Stuttgart-Degerloch die von Mathilde Rempis-Nast gegründete und geleitete „Kinder-Tierschutz-Schule”. Ihre Konzeption ist in zwei Schriften niedergelegt: „Ruf in die Zeit” (o. J.) und „Unsterbliche Tierliebe” (1963).

Im Rahmen dieser praktischen Arbeit der fünfziger Jahre wurden Methoden erprobt, die zum Teil auch in Kindergarten und Schule anwendbar sind. Die Grundkonzeption geht von folgenden Einsichten aus: Tierschutzerziehung ist ein wichtiger Teil der Erziehung zur Menschlichkeit, sie ist „Früherziehung zur Nächstenliebe” (M. Rempis-Nast o. J.a, S. 8). „Im großen gesehen wird da der Versuch unternommen, die Idealbegriffe Menschlichkeit und Barmherzigkeit praktisch handelnd in die Erziehung einzubauen.” Diese Erziehung kann aber nur der persönlich glaubwürdige Lehrer leisten, der für das einsteht, was er seinen Schülern vermitteln will.

Es hat immer Lehrer gegeben, die ihre tierschutzpädagogischen Erfahrungen, Anregungen und Forderungen auch formuliert und veröffentlicht haben. Hier ein Auszug aus dem Aufsatz von Kaspar Freuler „Tierschutz und Schule” (1962): „Eine tierschützerische Gesinnung allein genügt nicht; sie muß vorhanden sein und sich stützen können auf ein bestimmtes Wissen, wie ein kurzes Beispiel hier erläutern soll: Ein Kind sieht auf der Landstraße eine Kröte herumtappen. Es spürt, daß hier Hilfe nötig wäre, weil das Tierchen in steter Gefahr schwebt; rein gesinnungsmäßig, aus Erbarmen und Mitleid möchte es helfen. Was tun? Kröten sehen den Fröschen gleich oder ähnlich; also wird man die Kröte ins Wasser werfen müssen. Kröten ins Wasser zu werfen ist aber unsinnig. Die gute Gesinnung, der Wille zur Tat sind im Leeren verpufft, weil das Wissen fehlte. Das Manko an Wissen führt zu einer Fehlbehandlung, wie sie nicht nur in diesem Einzelfall, sondern in ähnlicher Weise in tausend anderen Fällen eintritt, wo kranke, gefährdete, verunglückte Tiere zwar liebevoll, aber auf die unvernünftige und unmöglichste Art gepflegt und behandelt werden — aus lauter Nicht-besser-Wissen. Das Wissen aber muß zum Bruder der Gesinnung werden.”

So sind wir nun an das Fach Biologie verwiesen. Wer den Umgang mit Tieren fördert, muß über vieles Bescheid wissen, auch darüber, daß Kinder aufgrund wirklichkeitsfremder Informationen (wie sie auch durch einige Fernsehserien vermittelt wurden), falsche und mitunter gefährliche Erwartungen haben; und er muß auch wissen, daß und wie aus dem Umfang mit Tieren gelegentlich Krankheiten entstehen können und was zur Verhütung zu tun ist.

Weitere Literatur: G. Berkholz 1975, Ehrfurcht vor dem Leben 1985, C. Günzler und G.M. Teutsch 1980, H. McGiffin und N. Brownley 1980, E.S.Whitlock and St. R. Westerlund 1975.

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